David Zalkaliani ist seit Juni 2018 Außenminister Georgiens. Der 1968 in Tiflis geborene Diplomat hat zuvor in der Botschaft Georgiens in Österreich gearbeitet, sein Land in der OSZE vertreten und bereits mehrere Jahre als stellvertretender Außenminister die Beziehungen Georgiens zu anderen Ländern der Welt beeinflusst. Das Interview findet in Berlin statt, wo Zalkaliani anlässlich des hundertsten Jubiläums der ersten georgischen Republik zu Besuch ist.

ZEIT ONLINE: Herr Zalkaliani, Sie verfolgen sicherlich gerade die europäische und deutsche Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen?

David Zalkaliani: Ja, wir sind im ständigen Austausch mit unseren Kollegen.

ZEIT ONLINE: Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz hat als Teil einer neuen europäischen Asylpolitik vorgeschlagen, in Ländern wie dem Libanon, Tunesien oder Georgien "Lager" für Flüchtlinge, wie er es nannte, zu errichten. Dänemarks Regierung unterstützt diesen Plan. Was halten Sie davon? 

Zalkaliani: In Georgien? Wann soll das vorgeschlagen worden sein?

ZEIT ONLINE: Kurz hat es erstmals in einem Interview mit der Welt im vergangenen Jahr gesagt. 

Zalkaliani: Nein, das wurde mit uns Georgiern nicht besprochen. Vielleicht handelt es sich um eine fehlgeleitete Kommunikation. Wir als georgische Regierung haben keine Informationen über solche Pläne.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie antworten, wenn Österreich, das gerade die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat, mit so einem Vorschlag auf Sie zukommt?

Zalkaliani: Erstens haben wir bereits unsere eigenen Zentren für Inlandsflüchtlinge. Dort sind mehr als 300.000 Menschen aus Abchasien und Südossetien untergebracht, die aus den von Russland besetzten Gebieten geflohen sind. Zweitens sind wir ein kleines Land mit nur vier Millionen Einwohnern. Fast zehn Prozent unserer Bevölkerung sind Flüchtlinge. Das ist eine ziemlich hohe Quote und ein ernstes Problem für uns. Wir versuchen, die sozialen Probleme unserer eigenen Flüchtlinge zu lösen. Deshalb arbeiten wir daran, dass die Binnenflüchtlinge ihr Recht auf Rückkehr in ihre Heimat wahrnehmen können. Im Konflikt mit Russland ist das jedoch nur sehr schwer umsetzbar.

ZEIT ONLINE: Wenn also Österreich oder die EU-Kommission anfragen würde, ob Sie sich um Flüchtlinge, die in die EU wollen, kümmern könnten, würden Sie freundlich ablehnen?

Zalkaliani: Wir kooperieren mit der EU in allen Politikbereichen. Wir verstehen, dass in der EU die Migration gerade ein Problem ist. Deshalb tauschen wir Informationen darüber aus, wie sich die Flüchtlingssituation in unserem Land entwickelt. Aber weder Österreich noch Dänemark haben uns auf offiziellem Weg über so einen Plan in Kenntnis gesetzt. Bisher war so ein Vorhaben nie Teil der Beziehungen zwischen Georgien und der EU.

ZEIT ONLINE: Dafür haben Sie jede Menge andere Verbindungen mit der EU. Vor vier Jahren wurde das Assoziierungsabkommen zwischen Georgien und der Europäischen Union unterzeichnet. Was hat sich seitdem getan?