Jeder einzelne Premierminister der britischen Nachkriegszeit habe sich mit der Europafrage abgequält, schrieb Boris Johnson vor einigen Jahren. So giftig sei die Kontroverse zuweilen geführt worden, dass sie sogar politische Mordversuche provoziert habe. Johnson schrieb damals noch mit der Distanz des Biografen über sein Idol Winston Churchill. Heute geht ihm das Thema näher: Am Montag wurde er selbst zum potenziellen Attentäter, als er mit seinem Rücktritt die britische Regierung in eine Krise stürzte – und Theresa May um ihre Zukunft bangen lässt.

Dass der ehemalige Außenminister unzufrieden ist mit dem Brexit-Kurs seiner Chefin, ist hinlänglich bekannt. Immer wieder nörgelte er in den vergangenen Monaten über Mays Strategie, gern auch öffentlich. Den Plan, den die Premierministerin am Freitag präsentiert hatte, hielt er angeblich für einen "Scheißhaufen". Etwas würdevoller, wenn auch schwülstig, drückte er sich in seinem Demissionsschreiben aus: "Der Brexit-Traum stirbt", schrieb er; "es ist, als ob wir unsere Truppen mit wehenden weißen Flaggen in die Schlacht schicken." Sein Rücktritt scheint also folgerichtig. Manche Brexit-Anhänger lobten seine Entschlusskraft und meinten, er habe aus Prinzip gehandelt. Aber wer sich Johnsons Karriere anschaut, stellt fest, dass Prinzipientreue selten eine besonders wichtige Rolle spielte.

Man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit blicken. Vor wenigen Wochen stand beispielsweise die Abstimmung über die dritte Landebahn in Heathrow an. Johnson, dessen Wahlkreis in unmittelbarer Nähe des Londoner Flughafens liegt, versprach einst, er würde sich selbst vor die Bulldozer legen, um den Bau zu verhindern. Als es jedoch zur Abstimmung kam und May ihren Abgeordneten ein Ja-Votum vorschrieb, hätte der Außenminister abdanken müssen, um sein Wort zu halten. Also machte er sich aus dem Staub und flog nach Afghanistan, um sich mit dem dortigen stellvertretenden Außenminister über den Kampf gegen Extremismus zu unterhalten.

Immer irgendwie durchgewurschtelt

Boris Johnson tut in der Regel das, was Boris Johnson nützt. Auch im Fall seines Rücktritts. Selbst sein Kollege David Davis, der einige Stunden früher seine Resignation bekannt gegeben hatte, wollte nicht recht einsehen, weshalb Johnson sich zu diesem Schritt entschloss: Im Gegensatz zum Brexit-Minister sei der Brexit nicht das zentrale Thema für den Außenminister, sagte Davis. Was also ist sein Kalkül?

Machthunger, meint der Kolumnist Martin Kettle im Guardian: Weil er Premierminister werden will. Dass Johnson derartige Ambitionen hegt, ist seit Langem klar. Bereits nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 galt er als Favorit unter den Anwärtern auf das Amt als Regierungschef. Es bedurfte einer Attacke seines Kollegen Michael Gove, der ihm plötzlich das Vertrauen absprach, um ihn von der Kandidatur abzuhalten. Jetzt hätte er eine neue Chance, seinen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Das Problem ist nur: Er ist nicht mehr so beliebt wie zu früheren Zeiten.

Bislang konnte sich Johnson in seiner Karriere stets irgendwie durchwurschteln. Dem umgänglichen Blondschopf verzieh man manches, was bei anderen ernsthafte Fragen über die moralische Integrität hervorgerufen hätte oder zumindest Zweifel an der politischen Tauglichkeit. Dass er sich als Brüssel-Korrespondent des Daily Telegraph Anfang der Neunzigerjahre mit hanebüchenen Storys und groben Unwahrheiten einen Namen gemacht hatte, hinderte ihn nicht daran, später zum Chefredakteur des Spectator ernannt zu werden. Als er Schwarze einmal als "piccaninnies" (in etwa "Negerbabys") bezeichnet und die Bewohner von Papua-Neuguinea des Kannibalismus bezichtigt hatte, bedurfte es nur einer Entschuldigung, und schon war alles vergessen. Verbale Entgleisungen werden "Boris" nicht nachgetragen, sondern verstärken sein Image als unbeholfener Witzbold, der etwas Farbe in den grauen politischen Alltag bringt.