Deutschland sei "total kontrolliert" von Russland, es befinde sich in einer Art "Geiselhaft". Mit dieser These überfiel der amerikanische Präsident den Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Morgen des Brüsseler Gipfels. Und dann ließ er noch eine ganze Reihe von Attacken auf Deutschland folgen: Berlin gebe zu wenig für Verteidigung aus, mache sich mit der neuen Gaspipeline Nordstream 2 von Russland abhängig und verlange trotzdem, dass die USA es verteidigen. 

Eigentlich sollte es nur ein Willkommensfrühstück für den wichtigsten Teilhaber des westlichen Bündnisses werden. Trump jedoch redete über den verdutzten Stoltenberg hinweg und machte klar, wen er als Hauptgegner betrachtet: das Deutschland Angela Merkels. Angela Merkel von Putin total kontrolliert, seine Geisel? Dieselbe Merkel, die in Europa die Sanktionen gegen Russland durchgesetzt hat? Die zusammen mit dem französischen Präsidenten Hollande durch das Minsker Abkommen Putins Vormarsch in der Ukraine gestoppt hat? Was für ein irrer Auftritt!

Es geht nicht um Trumps Lügen

In der Psychoanalyse nennt man so etwas Projektion: die Abwehr eines eigenen Konflikts, indem man ihn auf andere überträgt. Donald Trump, das ist bekanntlich jener Mann, zu dessen Gunsten der russische Geheimdienst massiv in die US-Wahl intervenierte; dem eine Vorladung des Sonderermittlers Robert Mueller wegen der Russlandverbindungen seines Umfelds droht; der interessanter Weise noch kein einziges kritisches Wort über Putins Politik in der Ukraine oder in Syrien verloren hat. Und ausgerechnet dieser Mann behauptet beim Nato-Gipfel, Merkels Deutschland stecke in Putins Tasche.

Er selber sieht den Brüsseler Gipfel offenbar nur als Durchreisestation zu seiner eigentlichen Destination: dem Treffen mit Wladimir Putin in Helsinki am kommenden Montag. Das werde "wahrscheinlich der leichteste Teil" seiner Reise, hat Trump vor seiner Abreise Reportern in Washington zugerufen.

Um den Eindruck abzuwehren, er selbst sei von Putin direkt oder indirekt abhängig, unterstellt Trump das nun der deutschen Regierung. Ein durchsichtiges Manöver. Und doch sollte man sich in Berlin ernsthaft damit befassen.

Keineswegs wird Deutschland zwar "60 bis 70 Prozent" seiner Energie durch die geplante Pipeline beziehen. Etwa ein Viertel des deutschen Energiebedarfs wird derzeit aus russischen Quellen gedeckt. Aber es geht gar nicht darum, Trumps letzte Lügen zu widerlegen. Er wird sie ohnehin bald schon durch neue überdecken.

Immerhin hat er das Dokument unterschrieben ...

Wichtig ist vielmehr, sich angesichts seiner beispiellosen Angriffe klarzumachen: Der amerikanische Präsident betrachtet Deutschland tatsächlich als Gegner. Er greift das deutsche Wirtschaftsmodell mit seinen Strafzöllen an, weil ihn die Erfolge deutscher Exporteure stören. Merkels Festhalten an Multilateralismus und Freihandel geht ihm als Nationalisten und Protektionisten gegen den Strich. Und es passt ihm natürlich auch nicht, dass Deutschland so viele Flüchtlinge und Migranten aufgenommen hat. Deshalb seine Lügen über die gestiegenen Kriminalitätsraten. Und deswegen unterminiert er jetzt gezielt die Sicherheitsarchitektur, in der Deutschland Jahrzehnte friedlichen Wachstums erleben durfte.

Es kommt mittlerweile einer Verharmlosung gleich, von einer Krise der transatlantischen Beziehungen zu sprechen. Es ist schlimmer: Unser wichtigster Verbündeter sägt an den Grundpfeilern unseres Wohlstands und unserer Sicherheit. Es fällt immer noch schwer, sich das klarzumachen. Und die Versuchung ist groß, sich nun schnell wieder zu beruhigen.

Trump hat ja das lange ausgehandelte Dokument, das beim Brüsseler Gipfel verabschiedet wurde, mit unterschrieben. Darin geht es um neue Kommandozentralen, höhere Bereitschaft von Nato-Truppen, und selbstverständlich geloben alle Beteiligten, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, irgendwann auch die zwei Prozent Verteidigungsausgaben zu erreichen. Nun werden sich viele Nato-Mitglieder in falscher Ruhe wiegen, weil das Schlimmste nicht eingetreten ist: das befürchtete Scheitern des Gipfels. Doch die Zerrüttung einer Beziehung ist auch durch das harmonischste Kommuniqué nicht ungeschehen zu machen.

Und darum sollte man auf jeden Fall den Montag abwarten: Ob die Beteuerungen dieses Nato-Gipfels, die Allianz stehe trotz aller Differenzen noch, das Papier wert sind, auf dem sie stehen – das entscheidet sich nämlich erst beim Treffen Trumps und Putins in Helsinki.