Ein dickes Fell dürfte die wichtigste politische und diplomatische Voraussetzung sein, um das Projekt des Westens über die Trump-Jahre zu retten. Gepaart mit der Fähigkeit zu ruhiger, nüchterner Analyse. Man könnte sagen: Gefragt sind Merkel-Eigenschaften. Vielleicht erklärt das Trumps Wut auf die Bundeskanzlerin.

Nach einer Woche voller Krawall liegen in Europa die Nerven blank. Die Bereitschaft, apokalyptische Untergangsszenarien zu entwerfen, ist wieder einmal groß. "Die Demokratie erlebt in diesen Zeiten den schlimmsten Rückschlag seit den faschistischen Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts", schreibt Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung.

Kornelius, ein besonnener Transatlantiker, sieht im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Russland eine "neue  Supermachtkonstellation" heraufziehen. "Dies wird der erste Gipfel zweier zutiefst nationalistischer Populisten sein", schrieb er vor dem Treffen in Helsinki. "Putin und Trump sind wesensverwandt, die Konflikte zwischen beiden Nationen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hier zwei Gleichgesinnte die Hand reichen werden."

Trump kann nicht ohne die Zustimmung des Kongresses die Nato verlassen

Ein großer Unterschied allerdings bleibt, und er ist entscheidend: Wladimir Putin kann seine Macht diktatorisch ausleben, Donald Trump kann das nicht. Die USA sind noch immer eine lebendige Demokratie. Die These sei erlaubt: Die Vereinigten Staaten werden die gegenwärtige Phase einer populistisch-nationalistischen Versuchung besser überstehen als manches europäische Land – von Ungarn und Polen bis zu Italien und Österreich.

Die Reaktionen in den USA auf das Helsinki-Gipfeltreffen machen das deutlich. Selbst führende Republikaner äußerten sich empört, dass ihr Präsident den Beteuerungen Putins, er habe sich 2016 nicht in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt, mehr Glauben schenkt als den eigenen Geheimdiensten. Und sie sind fassungslos, dass Trump die EU einen "Gegner" nennt, sie mit Russland und China gleichsetzt. Russland ist "nicht unser Verbündeter", stellte Paul Ryan klar, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses.

Der Spiegel schreibt, Trump habe auf dem Nato-Gipfel mit dem Austritt der USA aus der Allianz gedroht: "Zwei Tage lang stand die Zukunft des Bündnisses auf dem Spiel." Das ist grotesk – als könnte der Präsident ohne Zustimmung des Kongresses das Nordatlantische Bündnis verlassen. Und diese Zustimmung wird es nicht geben.

Was geschah wirklich: Der Nato-Gipfel hat die vorher von den Diplomaten und Militärs erarbeitete Abschlusserklärung ohne jede Änderung verabschiedet. Trump hat in Brüssel getobt und gewütet – aber an dem amtlichen Dokument, das die Handschrift von State Department und Pentagon trägt, hat er nichts verändert.