Donald Trump hat bekanntermaßen wenig Verständnis für Bündnisse, die in seinen Augen nicht liefern. Und das ist in der Welt des US-Präsidenten, die allein auf Transaktionen gründet, nur dann der Fall, wenn sie seinem Land einen Gewinn verschaffen. Mit wem er es auch zu tun hat, in wenigen Tagen beispielsweise mit den Nato-Partnern beim Gipfel in Brüssel, hinterher will er sagen können: Denen habe ich es gezeigt! Ob Trump dann jeweils wirklich das Beste für die Amerikaner erreicht hat, ist eigentlich Nebensache. Solange sich genug seiner Anhänger ebenso wenig für die Welt interessieren wie er, kommt er damit durch.

Zu den gängigen Interpretationen, wie Trump sich die internationalen Beziehungen wohl vorstellt, gehört auch dies: Wo immer sich viele zusammentun, um eine kollektive Linie zu finden, kann es seiner Meinung nach nur lästige Kompromisse geben. Trumps Art des Deals kennt immer nur den einzelnen Verhandlungsgegner. Deshalb war schon der G7-Gipfel im vergangenen Monat für Trump nur ein weiterer lästiger Auftritt in solchen Runden. Es ging ihm überhaupt nicht darum, möglichst viele Gemeinsamkeiten zu finden – die zurückgezogene Unterschrift des dürftigen Abschlusskommuniqués war nur die nachträgliche Bestätigung seiner auch dort zur Schau gestellten Haltung: Ich mache da nicht mit. Die Show mit Nordkoreas "talentiertem" Diktator Kim Jong Un war Trump wichtiger.

Nun wird er in Brüssel zum Nato-Gipfel erwartet und die Sorge ist groß, der US-Präsident könne auch in diesem Bündnis keinen Wert mehr sehen. Vordergründig hat Trump mit seiner Kritik an den Partnern ja recht. Tatsächlich schreiben viele Nato-Staaten die eigene Sicherheit zu sehr den USA auf die Rechnung. Das trifft im Besonderen auf Deutschland zu, dessen Verteidigungsausgaben zwar mittelfristig weiter steigen sollen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt aber das gemeinsam vereinbarte Ziel bis 2024 nicht erreichen werden. Oder wie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagt: "1,5 Prozent sind nicht zwei Prozent." Auch er erwartet, dass mehr passiert.

Aber hat Trump wirklich verstanden, dass die Nato mehr ist als ein Aufrechnen von Ausgaben? Dass jene Mitgliedstaaten, die das Zwei-Prozent-Ziel absehbar nicht schnell genug erreichen werden, nicht dem Hauptquartier oder gar den USA "enorme Mengen Geld schulden"? Sondern dass sie eben auch selbst erkannt haben: Wir müssen mehr in die eigene Verteidigung investieren – die Debatte um die europäischen Trittbrettfahrer kollektiver Sicherheit ist schließlich schon fast so alt wie die Nato selbst. Trump ist auch längst nicht der erste US-Präsident, der in diesem Sinne Druck auf die Partner ausübt. Doch der Kern des Bündnisses, das Versprechen militärischer Solidarität im Ernstfall, stand bisher nie infrage.

"Viel zu teuer für die USA"

Stünde Trump ebenso fest zu diesem Beistandsversprechen, wie es jahrzehntelang auf beiden Seiten des Atlantiks gehalten wurde, ließe sich mit der Kritik produktiv umgehen. Aber an diesem Zusammenhalt schürt der Präsident selbst die größten Zweifel, lässt schon mal prüfen, ob 35.000 US-Soldaten in Deutschland wirklich nötig seien – und stellt das Militärbündnis in eine Reihe mit ihm verhassten Handelsabkommen: "viel zu teuer für die USA". Da kann er Stoltenberg noch so oft versichert haben, dass er ein Unterstützer der Nato sei – es fällt schwer, das zu glauben.

Denn wäre das so, müsste Trump doch gerade so kurz vor seinem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin alles daransetzen, die Allianz zu stärken. Statt sich allein auf die Rechnung zu fixieren, müsste er jetzt Europäern wie Amerikanern mit Nachdruck erklären, wie wichtig dieses Bündnis ist. Statt die Partner mit schaurigen Andeutungen zu verunsichern, müsste es sein dringendstes Anliegen sein, sie enger denn je zusammenzubringen – wo alle so viel trennt in diesen Tagen. Statt den in seinen Augen säumigen Zahlern einzeln Inkassobriefe zu schicken, könnte er die lange vor ihm eingeleiteten Erfolge zu seinen machen: Alle leisten mehr, zusammen bleiben wir stark. Make Nato Great Again könnte sich Trump auf die Kappe schreiben.

Es wäre die beste Vorbereitung für den Gipfel mit Putin in Helsinki nur wenige Tage später. Der russische Präsident nämlich wäre der größte Gewinner, wenn Trumps Botschaft in Brüssel wäre: Die Nato ist uns nur eine Last. Ja, auch die ungleich verteilten Beiträge innerhalb der Allianz schwächen ihre Kraft. Aber nichts macht sie so verletzlich wie die Erosion des Vertrauens, die der US-Präsident betreibt. Da muss den Europäern durchaus mulmig zumute werden, wenn sie darüber nachdenken: Trump will mit Putin auch ganz allein sprechen – ohne Zeugen oder Aufzeichnungen.