Enrico Rossi, 59 Jahre alt, wurde 2010 zum Regionalgouverneur der Toskana gewählt und im Jahr 2015 mit 48 Prozent der Wählerstimmen im Amt bestätigt. Rossi, der Mitglied der gemäßigt linken Partito Democratico war, trat 2017 zusammen mit anderen Dissidenten des linken Flügels aus Protest gegen die Politik Matteo Renzis aus und gehört seither der Liste Liberi e Uguali (Freie und Gleiche) an.

ZEIT ONLINE: Herr Rossi, Italiens Regierung machte in den vergangenen Wochen mit einem harten Kurs gegen Flüchtlinge Schlagzeilen in ganz Europa. Die Häfen werden gesperrt, die NGOs werden bekämpft, die EU wird unter Druck gesetzt. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Regierung?

Enrico Rossi: Ich sehe das, was in diesen Wochen in Italien geschieht, sehr negativ. Da wird die Vorstellung verbreitet, unser Land erlebe eine Invasion von Immigranten. Das ist eine einfach irrige Idee. Sie geht einher mit der Behauptung, die Immigration sei die Ursache aller Probleme und Schwierigkeiten in Italien. Eine solche Debatte bringt nur Rassismus hervor. Und was die ganze Sache noch schlimmer macht: Vertreter der Regierung schüren diese Ängste, um sie dann zu instrumentalisieren. Dabei sollten sie an Lösungen arbeiten.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen wahrscheinlich von Innenminister Matteo Salvini. Seine Lösung lautet: Wir schließen alle Häfen und verteilen die wenigen Migranten, die noch nach Italien kommen, auf ganz Europa.

Rossi: Natürlich wurde Italien vom Rest Europas im Stich gelassen, als allein 2016 etwa 180.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer kamen. Aber die Lösung kann jetzt nicht sein, einfach alle Häfen zu schließen. Italien darf die Flüchtlinge nicht dazu benutzen, Europa zu erpressen und 50 hierhin, 50 weitere dorthin zu schicken, nachdem man sie tagelang gezwungen hat, auf dem Meer auszuharren. Es ist auch ein Widersinn, dass die Regierung in Rom ausgerechnet die Nähe jener politischen Kräfte in Europa sucht, die gegen jedwede Form der Umverteilung von Flüchtlingen sind.

ZEIT ONLINE: Sie spielen da auf osteuropäische Politiker wie Viktor Orbán an.

Enrico Rossi © Simona Granati/Corbis/Getty Images

Rossi: Gewiss. Aber ich denke auch an den einen oder anderen deutschen Politiker, der gern die Grenzen dicht machen würde. Mit dieser ganzen Grenzschließerei schließen wir uns am Ende alle bei uns zu Hause ein. Im Übrigen müsste man auch mit den Italienern offen über Zahlen sprechen, und das tut niemand aus unserer Regierung. Wenn Salvinis Freund Horst Seehofer Italien wirklich all jene Flüchtlinge zurückgäbe, die über den Brenner nach Norden gegangen sind, dann würde Salvini viel mehr Flüchtlinge bekommen, als er derzeit im Mittelmeer stoppt.

Es macht keinen Sinn, Deutschland zu verurteilen, wie es Rom gerade tut. Deutschland hat seit 2015 etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, Italien kommt gerade mal auf ein Fünftel. Im laufenden Jahr kommen sogar mehr Menschen in Spanien an als in Italien. Damit wir uns nicht missverstehen: Italien hat durchaus das Recht, in Europa auf den Tisch zu hauen – aber es macht keinen Sinn, sich die Falschen als Feinde auszusuchen.

ZEIT ONLINE: Einmal abgesehen von Salvini: Es scheint so, als habe sich das Klima auch in der italienischen Gesellschaft deutlich zu Ungunsten der Flüchtlinge verändert. Im Oktober 2013, nach der Schiffstragödie vor Lampedusa, bei der 368 Flüchtlinge starben, ging eine Welle des Mitgefühls durch Italien. Als jetzt dagegen bekannt wurde, dass allein im Juni 2018 etwa 600 Menschen auf dem Weg von Libyen nach Italien ertranken, schien das die italienische Öffentlichkeit nicht groß zu bewegen.

Rossi: Salvini ist es gelungen, die öffentliche Debatte zu dominieren. Er hat so die Xenophobie hoffähig gemacht. Für diese Entwicklung gibt es zwei Ursachen: Erstens, wurde die Aufnahme von Flüchtlingen in Italien schlecht gemanagt. Die Migranten wurden privaten Firmen oder Genossenschaften überantwortet, die von den Präfekturen per Ausschreibung ausgewählt worden sind. Dagegen spielen die Gebietskörperschaften, die Regionen, die Kommunen keinerlei Rolle. Das hat von Anfang an für Spannungen gesorgt – zwischen den Flüchtlingen auf der einen Seite und den lokalen Behörden und der Bevölkerung auf der anderen. Oft wurden einfach zu große Aufnahmeeinrichtungen geschaffen.