Kein Krach, kein Rücktritt, keine Seitenhiebe von Kollegen – selbst nicht vom Profiquerulanten Boris Johnson: Großbritanniens Regierungschefin Theresa May hat es fürs Erste geschafft, das gesamte Kabinett für ihren Brexit-Kurs zu gewinnen. Nach monatelangem lähmenden Zank zwischen EU-freundlichen Ministern und Brexit-Befürwortern ist das ein Erfolg für May – zumal Großbritannien weitaus enger mit der EU verbunden bleiben soll, als es manchem Minister lieb ist.

May hatte das Kabinett am Freitag auf ihren Landsitz Chequers eingeladen, um eine gemeinsame Position zu vereinbaren, wie sich die  Regierung das Verhältnis zur EU nach dem Brexit vorstellt. Das Thema ist so umstritten und der politische Druck so hoch, dass May mit Entlassung drohte, falls jemand nicht auf ihre Linie einschwenke. Den ganzen Tag lang diskutierten sie, erst kurz nach Sonnenuntergang verkündete die Premierministerin eine Einigung und veröffentlichte die wichtigsten Punkte in einer dreiseitigen Regierungserklärung.

Laut dem Plan soll Großbritannien zwar aus der Zollunion und dem Binnenmarkt der EU ausscheiden. Zugleich soll es aber eine Freihandelszone für Güter mit der EU geben, damit der Handel weiterhin so reibungslos wie möglich ablaufen kann. Großbritannien will die Standards für Handelsgüter, darunter auch Landwirtschaftsprodukte, jenen der EU angleichen – das heißt, die EU- Regeln bezüglich Konsumenten- und Umweltschutz würden weiterhin gelten. Zudem soll der Europäische Gerichtshof bei der Auslegung von Verträgen zwischen der EU und Großbritannien weiterhin eine Rolle spielen.

Beim Knackpunkt Nordirland schlägt May einen Kompromiss vor, indem sie zwei unterschiedliche Zollsätze einführen will: einen für Waren für den europäischen Markt und einen für Güter, die in Großbritannien verkauft werden sollen. So will die Regierung neue Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland verhindern. Zugleich soll der Vorschlag ermöglichen, dass Großbritannien aus der Zollunion mit der EU austritt, damit die Regierung in London eigene Handelsabkommen mit Drittstaaten abschließen kann – eine der Kernforderungen der EU-Gegner.

Diese Vorschläge sind weit entfernt vom "sauberen Bruch" mit der EU, von dem die Brexit-Anhänger träumen. Es überrascht, dass sich EU-kritische Minister wie David Davis, Boris Johnson und Andrea Leadsom darauf eingelassen haben. Für May und ihre EU-freundlichen Minister ist der Kompromiss ein wichtiger Etappensieg. EU-Chefunterhändler Michel Barnier reagierte noch am Freitagabend vorsichtig optimistisch und teilte mit, er "begrüße die Diskussion in Chequers".