Es war nur ein kurzer Händedruck zwischen Angela Merkel und Cemal Çetin beim Brüsseler Nato-Gipfel vergangene Woche. Doch für den Vorsitzenden des Dachverbandes der Grauen Wölfe in Europa bedeutete das Treffen auf höchster Ebene eine nicht alltägliche Ehre. Seine Organisation (Avrupa Türk Konfederasyon) wird von deutschen Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder als extremistisch eingestuft und steht unter Beobachtung.

Çetin war als frisch gewählter türkischer Parlamentsabgeordneter der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Mitglied von Recep Tayyip Erdoğans Delegation in Brüssel. Dass der Abgeordnete der Mutterpartei der Grauen Wölfe mit Erdoğan reist, wurde vorab in türkischen Medien verbreitet. Das Kanzleramt konnte also wissen, wen die Kanzlerin erwartet.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Omid Nouripour, sieht in der Begegnung zwischen Merkel und Çetin eine gezielte Provokation. Erdoğan wolle damit den Koalitionspartner seiner Regierungspartei AKP hoffähig machen. Zwar könne sich die Kanzlerin nicht aussuchen, wem sie in einer ausländischen Delegation begegnet. "Aber umso wichtiger ist es, dass sie die Probleme der deutschen Politik mit der extremistischen Haltung der Grauen Wölfe offen anspricht", sagte Nouripour HR-Info. Ob sie das getan hat, bleibt offen. Das Bundespresseamt äußert sich grundsätzlich "nicht über Inhalte vertraulicher Gespräche", heißt es auf Anfrage.

Bis zu Beginn der Achtzigerjahre waren paramilitärische Gliederungen der Grauen Wölfe für Tausende politische Morde in der Türkei verantwortlich. Vereinzelt griffen Anhänger der Bewegung auch in Deutschland zur Waffe, um politische Gegner auszuschalten. Mehrere politische Morde der vergangenen Jahre in der Türkei werden Anhängern noch radikalerer Abspaltungen der MHP zugerechnet. So der Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink 2007 in Istanbul. Auch Morde an Christen in der Türkei in den Jahren 2006 und 2007 stehen im Zusammenhang mit den Grauen Wölfen.

Die innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, Ulla Jelpke, sieht Merkels Handschlag "in schlechter Traditionslinie mit dem früheren CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß". Der hatte bereits 1978 dem damaligen Vorsitzenden der Partei der Nationalistischen Bewegung, Alparslan Türkeş, eine Audienz gewährt. Als stramm antikommunistisch ausgerichtete Kaderorganisation galten die Grauen Wölfe für Teile der Unionsparteien damals als Mitstreiter im Kalten Krieg.

"Strauß versprach Türkeş damals, sich für ein günstiges Klima für die Grauen Wölfe in der Bundesrepublik einzusetzen", so Jelpke. Heute von einem "politischen Klimawandel" zu sprechen, sei verfrüht. Aber die türkische Regierung werde keine Gelegenheit auslassen, MHP-Politiker bei diplomatischen Begegnungen ins Schlepptau zu nehmen und in Deutschland als Vertreter einer "normalen Partei" zu präsentieren.