An diesem heißen Julitag kochen elf Eritreer das Mittagessen, es gibt Couscous mit Tomaten und Auberginen von befreundeten Bauern. Und natürlich Olivenöl. Denn Oliven sind das Hauptgeschäft von Cédric Herrou. Auf seinem Bauernhof Bäume schneiden oder bei der Ernte helfen – das dürfen die Gäste aber nicht. Es würde als Schwarzarbeit ausgelegt. So verbringen die Flüchtlinge die Tage mit Kartenspielen, Musikhören und dem Kochen von aufwändigen Mahlzeiten: mal für drei, mal für zehn oder auch 50 Leute.

Seit drei Jahren nimmt der Bauer auf seinem südfranzösischen Hof nahe Breil-sur-Roya unweit der italienischen Grenze Flüchtlinge auf. Meist kommen sie nachts an, die meisten wissen, sie werden hier Unterschlupf bekommen. Dass auf dem Hof dauerhaft Geflüchtete leben, davon zeugen die neue große Küche und zwei Bungalows aus Holz. Auch der Öffentlichkeit ist das Engagement des Bauern nicht verborgen geblieben: Mehrfach schon musste sich Cédric Herrou vor Gericht verantworten. Wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt wurde er verurteilt. Doch er ging nicht nur erfolgreich in Revision, er schaffte es sogar, dass sich Frankreichs Verfassungshüter mit einer zentralen Frage befassen mussten: Was bedeutet der Begriff "Fraternité" – die Brüderlichkeit also, die neben der Gleichheit und Freiheit zu Frankreichs konstitutionellen Grundfesten zählt – im Bezug auf Nicht-Franzosen? Herrous Ansicht nach gebietet es genau diese in der französischen Verfassung verankerte Brüderlichkeit, anderen Menschen – egal, wo sie herkommen – zu helfen. Entsprechend dürften Flüchtlingshelfer wie er eigentlich nicht für ihr Engagement angeklagt werden. 

Verfassung schlägt Asylrecht

Tatsächlich folgten die als Weisen bezeichneten Juristinnen und Juristen des Pariser Verfassungsrates Anfang Juli genau dieser Argumentation: Aus dem Prinzip der Brüderlichkeit folge die Freiheit, einem Zweiten zu helfen, ohne seinen Aufenthaltsstatus zu beachten – so ihre als "historische Entscheidung" gewertete Rechtsauslegung. Damit stellten sie auch klar, dass die Verfassung Frankreichs Asylrecht, kurz CESEDA, aussticht, das die Hilfe zum Aufenthalt von noch nicht registrierten Ausländern eigentlich unter Strafe stellt. Ursprünglich als Gesetz gegen Schleuser verabschiedet, wurden dessen Paragrafen zuletzt nämlich auch gegen uneigennützige Helferinnen und Helfer angewandt.

"Das ist ein enormer Erfolg. Endlich wird unsere Devise nach Brüderlichkeit auch mit Leben gefüllt", sagt Herrou. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" – dieser Grundsatz steht in großen Lettern über fast jedem Rathaus und jeder Schule Frankreichs. Die Rechtsauslegung ist ein Riesenerfolg für Herrou, seine Mitstreiter im Roya-Tal und für Dutzende Flüchtlingsorganisationen: "Die Richter haben klargestellt: Es ist keine Idee von linken Spinnern, den Flüchtlingen zu helfen. Sondern es ist sogar unsere bürgerliche Pflicht", sagt Herrou.

3.000 Menschen – so viele waren es bisher ungefähr, denen der 39-Jährige geholfen hat. Etwa 20 Kilometer weg von der Grenze zu Italien liegt sein Hof. Die meisten Menschen, die zu ihm kommen, sind mit Booten aus Nordafrika nach Italien geflohen. In Eritrea, dem Sudan und Nigeria wird die Adresse des Olivenbauern mittlerweile weitergereicht. Wer lebend im italienischen Grenzort Ventimiglia angekommen ist, macht sich zu Fuß auf den Weg hinüber zu Herrous Olivenhain. Auf diese Weise umgehen die Ankommenden den Teil der Grenze, an dem französische Polizistinnen und Polizisten jeden Tag Dutzende Flüchtlinge aufgreifen, um sie direkt zurück nach Italien zu bringen – und zwar ohne sie in Frankreich einen Asylantrag stellen zu lassen.

Ein Einzelgänger, der Hühner hält

Eigentlich sei er ja Einzelgänger, sagt Cédric Herrou, der vom Verkauf der Eier seiner rund 250 Hühner und dem Öl der 800 knorrigen alten Bäume lebt. Im Winter 2016 hatte die ZEIT schon einmal über ihn berichtet. Damals mussten die Flüchtlinge noch über steile Wege möglichst ungesehen vom Bauernhof zum Bahnhof klettern, gekocht wurde auf zwei Gasplatten in Herrous eigenem Steinhaus. Inzwischen gleicht sein Hof einem professionellen Flüchtlingsheim. Selbst die zuständige Präfektur musste sich – ebenfalls infolge eines Gerichtsurteils – seiner ausdauernden Hilfe beugen: Weil die Behörde selbst kein Flüchtlingsheim in dem steilen Tal an der Grenze schaffte, darf Herrou fortan seine noch nicht gemeldeten Schützlinge legal zur Polizei im Ort Breil-sur-Roya bringen. Dort können sie sich dann registrieren. Mit dem entsprechenden Papier in der Hand fahren sie unbehelligt mit dem Zug weiter nach Nizza, der nächstgrößeren Stadt, in der ein Asylantrag gestellt werden kann. Früher brachten Herrou und Privatleute aus der Gegend die Geflüchteten häufig nachts mit dem Auto über die steilen Bergpässe nach Nizza, um zu verhindern, dass die Schützlinge von der Grenzpolizei aufgegriffen und wieder nach Italien geschickt wurden. Dreimal wurde Herrou selbst auf solchen Fahrten angehalten – was mit einer Anklage wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt endete.

In dem Bergdorf bleiben, das wollen diejenigen, die bei ihm Unterschlupf finden, nicht. Die meisten zieht es zu Verwandten nach Paris oder nach Deutschland und Großbritannien, wo sie auf Arbeit hoffen. "Hier ist unsere kleine Auszeit nach der langen Flucht", sagen viele. Die meisten sind schon Monate unterwegs. Viele waren in einem der berüchtigten Flüchtlingscamps in Libyen gestrandet, bevor sie Schleuser bezahlten, um mit einem maroden Boot nach Sizilien überzusetzen. Durch Italien schafften sie es bis in den Grenzort Ventimiglia, dem Nadelöhr nach Frankreich.