Es ist schon absurd, wie gelassen Donald Trump seinem Treffen mit Wladimir Putin entgegensieht. Die Präsidenten der USA und Russlands haben an diesem Montag viel zu besprechen, so wie die Welt gerade aussieht – und fast nichts spricht dafür, dass sie sich dabei leicht einig werden könnten. Immerhin taugt Helsinki als hinreichend neutraler Boden für diesen ersten bilateralen Gipfel der beiden Länder seit Langem. Ausgeglichen sind die Risiken und Erfolgschancen deshalb nicht: Für Trump steht einiges auf dem Spiel, Putin dagegen kann nur gewinnen.

Wie Trump in den Gipfel geht

Der US-Präsident schleppt reichlich belastendes Gepäck mit, wenn er in Finnland auf Putin trifft. Für die Vereinigten Staaten ist der russische Präsident definitiv Teil des Problems, das mit den Beispielen der Krim-Annexion, der Invasion in der Ukraine und den Angriffen auf die US-Wahl nur andeutungsweise erfasst ist – doch schon bei diesen Punkten ist fraglich, ob Trump wirklich Teil der Lösung sein kann. Ihn ins Weiße Haus zu bringen, war das Ziel der russischen Einflussnahme, das sehen amerikanische Geheimdienste so und auch weite Teile des politischen Betriebs in Washington. Gerade erst wurden zwölf russische Geheimdienstmitarbeiter wegen der Hacking-Angriffe im Wahlkampf angeklagt, die Beweise sind also stichhaltig genug.

Nur der Präsident positioniert sich noch immer nicht klar. Statt den eigenen Diensten, Ministerien und Ermittlern Glauben zu schenken, verwies er oft lieber auf Putin, der ja gesagt habe: Russland war das nicht. Und solange weiter ermittelt wird, ob Trumps Team mit dem Kreml gemeinsame Sache gemacht hat oder zumindest von ihm instrumentalisiert wurde, und der US-Präsident derweil die Nato und andere eigentlich Verbündete verunsichert und spaltet, solange bleiben die Zweifel. Sie werden aus keiner Bewertung dessen, was in Helsinki möglicherweise vereinbart wird, herauszuhalten sein. Vielleicht wäre es klüger gewesen, den Gipfel nach der neuen Anklage abzusagen; ein kaum ausreichend vorbereitetes Vier-Augen-Gespräch hört sich jedenfalls nicht wie die beste Idee an.

Das bedeutet auch: Trump hat wenig Spielraum für substanzielle Zugeständnisse, wenn er sich nicht selbst beschädigen will. Er dürfte sich zufrieden geben mit einem symbolischen Erfolg, den er hinterher zum genialen Durchbruch hochtwittern kann, für Details interessiert er sich ja bekanntlich wenig. Es darf nur nicht so aussehen, als habe er sich an Putin verkauft. Vielleicht ist es Trump aber schlicht egal, was der verhasste "Mainstream" schreibt und denkt, solange genug Amerikaner seine roten America-first-Kappen tragen und ihn feiern. Trotz vieler freundlicher Worte für Putin ist die Russlandpolitik der USA allerdings immer hart geblieben: Die Sanktionen stehen, auch wenn das nicht unbedingt das Verdienst des Präsidenten ist. Und Trumps Argument für sein Inkassogebaren bei der Nato ist ja immerhin: Wir müssen uns gegen Russland verteidigen können.

Treffen in Helsinki - »Am Ende ist er ein Konkurrent« Bei gemeinsamen Auftritten geben Wladimir Putin und Donald Trump sich freundschaftlich. Doch politisch vertreten sie unterschiedliche Standpunkte. Ein Überblick im Video © Foto: Liza Arbeiter

Wie Putin in den Gipfel geht

Für Putin ist der Gipfel ein Geschenk. Die raumgreifenden Aggressionen in der Ukraine und anderswo haben ihn international isoliert, Russland den Platz am Tisch der G8 gekostet und Sanktionen eingebracht. Wenn Trump ihm nun in Helsinki die Ehre gibt, ist das zwar weniger symbolträchtig, als hätte er in Moskau oder Sankt Petersburg den Gastgeber spielen dürfen. Doch aus seiner Sicht bleibt es die ultimative Bestätigung, mit der Supermacht USA auf Augenhöhe zu stehen, unerlässlich für die Lösung der vielen Konflikte in der Welt zu sein – obwohl Russland für einige davon selbst Verantwortung trägt. So wie Trump mit anderen Autokraten umgeht, siehe Nordkoreas Kim Jong Un, kann sich Putin schon fast darauf freuen, bei diesem Gipfel trotz seiner Kriege zum wichtigen Partner geadelt zu werden: ein tolles Land, ein feiner Kerl, der in allen wichtigen Foren mitreden sollte – niemanden würde es wundern, wenn Trump so etwas sagte.

Weil Putin anders als Trump bestens vorbereitet sein dürfte, kann er das Gespräch also wirklich gelassen sehen. Er weiß, dass in vielen Fragen eigentlich keine Annäherung zu erwarten ist. Zweimal sind die beiden Präsidenten bislang direkt aufeinander getroffen: beim G20-Gipfel in Hamburg und beim Apec-Gipfel in Danang. Die Ergebnisse waren kaum nennenswert. Aber Putin weiß auch, dass er diesmal eine echte Chance hat, von Trump etwas zu bekommen, ohne ihm dafür etwas geben zu müssen. Klappt das nicht, wird es ihm ebenso recht sein. Den Rest erledigt die Propagandamaschine. Oder eben Trump.

Woran sich wenig ändern wird (wenn Trump sich zusammenreißt)

In vielen Fragen, über die Trump und Putin sprechen könnten, liegen die Positionen der USA und Russlands unversöhnlich weit auseinander. Manchmal erinnern die Konflikte schon fast an den Kalten Krieg: Venezuela etwa haben die Amerikaner mit Sanktionen belegt, um dort die "Wiederherstellung der Demokratie" zu unterstützen; Trump soll seine Berater sogar gefragt haben, warum man nicht einfach in das Land einmarschieren könne. Russland dagegen unterstützt Präsident Nicolás Maduro nach allen Kräften; russische Berater halfen Venezuela, die Kryptowährung Petro zu schaffen, um die US-Sanktionen zu schwächen.

Die Liste der gegenläufigen Interessen ist lang, auf der Agenda des Gipfels sollen vor allem die Konflikte um Syrien und die Ukraine stehen. In Syrien wollen die USA, dass die Herrschaft Baschar al-Assads endet, während Russland im Krieg für das Regime bombt, um den verbündeten Diktator an der Macht zu halten. Trump hat zwar mit begrenzten Luftangriffen deutlicher als sein Vorgänger Obama kommuniziert, wo für ihn die roten Linien liegen, und belässt Spezialkräfte im Land – will aber eigentlich lieber heute als morgen komplett abziehen und sich keinesfalls tiefer hineinziehen lassen: dann lieber der Status quo, den Russland diktiert. Solange der Iran sich nicht zu sehr in Syrien festsetzt.

Aus dem Atomabkommen mit dem Iran sind die USA ausgestiegen und wollen das Regime in Teheran mit Sanktionen vom Atomwaffenbau abhalten, wenn nicht gar auf lange Sicht zu Fall bringen. Russland bekennt sich dagegen weiter zu den Vereinbarungen. Der Iran nennt seine und die russische Position zu wichtigen Themen in der Region "sehr nah beieinander", und Putin findet das Verhältnis "sehr produktiv". Das trifft wohl insbesondere für den gemeinsam geführten Krieg in Syrien zu. Dass der Iran dort allzu stark wird, dürfte ebenso wie Trump auch Putin gern vermeiden wollen – kann es aber selbst kaum verhindern.

Die Krim wird auf ewig ein Teil Russlands bleiben, für Putin gibt es darüber nichts zu debattieren. Und bis Trump aus welchen Motiven auch immer diese Zeilen dann doch Lügen straft, sei die Prognose gewagt: Der US-Präsident wird nicht, wie vielfach befürchtet, plötzlich die Annexion anerkennen. Rechtlich kann er das ohnehin nicht, politisch wäre es desaströs. Auch was den Krieg in der Ukraine angeht, sind die aktuellen Positionen klar: Die USA befürworten eine Blauhelm-Mission entlang der Grenze zu Russland, der Kreml will, dass die Blauhelme lediglich die ukrainische Armee und die Separatistenmilizen voneinander trennen – was im Grunde deren Herrschaft über den Osten des Landes im Sinne Russlands zementieren würde. In diesem Konflikt überhaupt auch nur einen Schritt weiterzukommen, ist mühsame Feinarbeit, also nichts für Trump. Es sei denn …

Wo sich etwas bewegen könnte (auch zum Schlechteren)

… Ja, es sei denn, Trump überrascht wieder einmal alle mit einem "großen Deal". Aus Israel und den Golfstaaten soll er genau dazu seit Langem gedrängt worden sein: eine Lösung in Syrien im Gegenzug für die Aufhebung von Sanktionen. Lösung ist freilich überzogen, denn es ginge im Wesentlichen darum, iranische Milizen zurückzudrängen, sie vor allem von der israelischen Grenze fernzuhalten. Es kursiert die Idee, die USA könnten sich aus dem Südwesten Syriens entlang auch der Grenze zu Jordanien zurückziehen, und so dem Assad-Regime gestatten, mit russischer Hilfe auch dort wieder die Kontrolle zu übernehmen – wenn Russland garantiert, dass iranische Kräfte dort nicht mit nachrücken. Trump würde Russland in Syrien endgültig freie Hand lassen, in der vagen Hoffnung, damit ließe sich der Iran schwächen. Auf dessen Milizen kann und will der syrische Diktator aber nicht ganz verzichten, auch als Gegengewicht zu Russland.

Wo es zumindest die Chance auf Fortschritte gibt, weil sie auch dringend nötig sind, ist das Feld der nuklearen Rüstungskontrolle. Die USA und Russland besitzen die beiden größten Atomwaffenarsenale der Welt, und das weitreichendste Abkommen, das deren Ausmaß begrenzt, läuft 2021 aus: Der New-Start-Vertrag von 2010 ist auch deshalb wichtig, weil er gegenseitige Inspektionen und den Austausch von Daten vorsieht, also Misstrauen reduzieren hilft. Während beide Länder sich gegenseitig vorwerfen, den INF-Vertrag über das Verbot atomarer Mittelstreckenraketen zu verletzen, und derweil ihre Waffensysteme modernisieren, wäre es ein echter Erfolg, wenn New Start verlängert würde. Putin hat das schon lange angeboten und ist weiter daran interessiert. Trump dagegen mag den Vertrag nicht, hat ihn einen schlechten Deal für die USA genannt. Allerdings war eine mögliche Verlängerung durchaus Thema in den vorbereitenden Gesprächen für den Helsinki-Gipfel. Sie wäre für die beiden Präsidenten sicher der einfachste Weg, einen Durchbruch zu erzielen, der sie gut aussehen lässt: ein vernünftiger Schritt, der weder große Risiken birgt noch zulasten Dritter erfolgt. Ein no-brainer, wie die Amerikaner sagen.