Spätestens seit Freitag waren viele in den USA sicher, der Präsident habe kaum eine Wahl, als in Helsinki eine eindeutige Position zur Rolle Moskaus in den US-Präsidentschaftswahlen zu beziehen. Schließlich hatte Trumps stellvertretender Justizminister Rod Rosenstein Anklage gegen zwölf – zum Teil hochrangige – russische Militärangehörige erhoben und damit ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Behörde wirft ihnen vor, sich unter anderem in die Computersysteme der Demokraten eingehackt, Dokumente gestohlen und zur Veröffentlichung weitergereicht zu haben, um damit den Ausgang der Wahl zu beeinflussen.

Während führende Demokraten Trump aufforderten, das Treffen abzusagen, glaubte der Rest des politischen Betriebs in Washington zumindest, dass sich die Dynamik des Gipfels damit verändert habe. Für Russlands Präsidenten Putin werde es mit den Anklagen sehr viel schwieriger, die Vorwürfe aus den USA wegzuwischen, lautete die führende Analyse. Für den US-Präsidenten sei es derweil kaum möglich, dessen Beteuerungen jetzt noch öffentlich Glauben zu schenken.

Doch die Nachricht von Freitag schien am Montag fast vergessen. Zuerst dauerte es mehr als 15 Minuten, bis die Vorwürfe gegen Russland bei der gemeinsamen Pressekonferenz in Helsinki überhaupt zur Sprache kamen. Dann herrschte zwischen den beiden Präsidenten in der Frage überraschende Einigkeit. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ob er die russische Einmischung in die Präsidentschaftswahlen verurteile, antwortete Trump, er sehe "keinen Grund, zu glauben", dass es überhaupt Russland gewesen sei, das sich in die Computer der Demokraten gehackt habe. Putin bestand seinerseits darauf, seine Regierung habe "nie" in interne amerikanische Angelegenheiten eingegriffen.

Verleugnung der Realität?

"Die Pressekonferenz war ein faszinierendes Beispiel für die vollkommene Verleugnung der Realität", sagt Politikwissenschaftler Steffen Schmidt von der Iowa State University. Während das vom russischen Präsidenten zu erwarten sei, habe der Auftritt in neuer Deutlichkeit gezeigt, dass Trump "erschreckend blind" sei angesichts der eindeutigen und wachsenden Beweise für eine russische Einflussnahme auf die US-Wahl. Das Verhältnis beider Länder sei nach dem Treffen aus amerikanischer Sicht "schlechter als je zuvor", sagte auch Michael McFaul, der ehemalige US-Botschafter in Moskau unter Präsident Obama, im Interview mit dem Radiosender NPR.

Doch Kritik kam nicht nur aus den üblichen Richtungen. Selbst auf Fox News, das sich sonst entschieden solidarisch mit dem Präsidenten zeigt, hieß es nach dem Treffen vorsichtig, Trump und Putin hätten die Vorwürfe der Einflussnahme auf "beispiellose Weise" behandelt. "Kein Verhandlungsergebnis ist es wert, die eigenen Leute und das eigene Land über die Klinge springen zu lassen", schrieb auch die Fox-Moderatorin und Tochter des US-Botschafters in Moskau, Abby Huntsmann, auf Twitter.

Selbst die eigentlich verlässlich konservative Webseite Drudge Report erklärte, Putin habe das Treffen "dominiert" – und zeigte den US-Präsidenten wenig vorteilhaft in einer Pose, in der er die Balance verliert.