Die Regierung der Republik Irland steht gerade vor ungewöhnlichen Aufgaben: Sie muss beispielsweise die 200.000 Tonnen irische Ölreserven, die in britischen Raffinerien lagern, nach Irland zurückholen. Denn die Vorschriften der EU wollen es, dass ein Land seinen dreimonatigen Notvorrat an Öl- und Raffinerieprodukten in einem Land der EU lagert. Doch wenn die Briten aus der Gemeinschaft aussteigen und sich nicht auf ein Abkommen für die Zeit nach dem Brexit einigen können, wird Irlands Nachbar und wichtigster Handelspartner zum Drittstaat. Und das hat Konsequenzen.

Sollte das Szenario des No Deal Realität werden, müssen sich Tanker auf den Weg machen, um das irische Öl aus Großbritannien zurückzubringen. Oder aber britische Ölreserven, die zum Beispiel in Frankreich lagern, müssten in einem Tauschgeschäft auf Irland umgeschrieben werden.

Die Drohung, dass Großbritannien ohne jegliches Abkommen Ende März 2019 aus der EU-Zollunion und dem EU-Binnenmarkt fallen könnte, mag vonseiten der britischen Regierung und der EU politische Verhandlungstaktik sein. In Großbritannien selbst laufen die Vorbereitungen dafür schon. Ebenso in Belgien und den Niederlanden, die die Auswirkungen des Brexit stark zu spüren bekommen werden. Doch keinen EU-Staat würde ein No-Deal-Szenario härter treffen als Irland.

Die Republik Irland und Großbritannien sind eng miteinander verwoben. Nach jüngsten Schätzungen des Internationalen Währungsfonds könnte ein No Deal die Republik Irland langfristig vier Prozent seiner Wirtschaftskraft kosten und den Verlust von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen.

Da beide Staaten derzeit noch Mitglied der EU sind, verläuft zwischen der Republik Irland und der Provinz Nordirland eine Grenze ohne Zoll- und Qualitätskontrollen. Zusätzlich haben beide Seiten die Grenzregion seit dem Friedensabkommen im Jahr 1998 wie jeweiliges Inland behandelt: Handygespräche werden wie Inlandsgespräche abgerechnet, Rezepte von Apotheken auf der anderen Seite der Grenze eingelöst. Die gemeinsame Reisezone, die die Republik Irland und Nordirland bilden, erlaubt den Iren und Briten zudem ungehinderte Reise- und Niederlassungsfreiheit – daran wird sich auch bei einem harten Brexit nichts ändern.

Was eine Grenze bedeuten würde

Sollte es allerdings zu keiner Einigung kommen, wären über Nacht auch an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland Zoll- und Qualitätskontrollen von Waren und Vieh fällig. Zudem würden die Zölle der Welthandelsorganisation gelten. Nach Angaben des Irish Farmers Journal würde etwa Hackfleisch, das die Iren den Briten für ihre Burger liefern, 7,20 Euro das Kilo statt derzeit nur 3,70 Euro kosten. Für einen Ochsen von der anderen Seite der Grenze müsste ein Nordire plötzlich 1.724 Euro und nicht mehr nur 1.100 Euro zahlen. Lämmer, die zum Schlachten von der Provinz Nordirland in die Republik Irland transportiert würden, würden schlagartig 138 Euro anstatt 105 Euro kosten. All das würde dem grenzüberschreitenden Handel gravierend schaden.

Verständlich also, dass die Nordiren dafür gestimmt haben, in der EU zu bleiben, und dass die EU im Dezember 2017 vorgeschlagen hatte, dass die nordirische Provinz im Notfall Quasi-Mitglied der EU-Zollunion und des EU-Binnenmarktes bleiben solle.

Dies hatte die britische Premierministerin Theresa May zwar zunächst unterschrieben. Sie lehnt den Notfallplan inzwischen jedoch unter dem Druck der nordirischen Partei DUP und den Brexit-Hardlinern in ihrer Partei ab. Denn der von der EU favorisierte Plan würde die Zollgrenze einfach nur in die Häfen zwischen der Insel Irland und Großbritannien verlagern.