Mexiko hat sich dem weltweiten Trend angeschlossen und einen Populisten zum Präsidenten gewählt: Andrés Manuel Lopéz Obrador ist das neue Staatsoberhaupt des 120 Millionen Einwohner starken Landes südlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Schon in den vergangenen Monaten lag der ehemalige Bürgermeister von Mexiko-Stadt in den Umfragen weit vor den Mitbewerbern um das höchste Amt im Staat. Das Ergebnis übertraf die Prognosen sogar noch: Über 53 Prozent der Stimmen konnte Obrador für sich gewinnen.

Die Wahl Obradors ist eine direkte Antwort der Mexikaner auf die verheerende Rhetorik, mit der Donald Trump die Mexikaner in den vergangenen Jahren überzogen hat. Im Wahlkampf erinnerte Lopéz Obrador seine Landleute mehr als einmal daran, dass sie von Trump als "Vergewaltiger" und "Verbrecher" beschimpft wurden. Die Mexikaner aber, die auf eine lang zurückreichende Geschichte verweisen können, bräuchten sich von den Amerikanern nicht so durch den Dreck ziehen zu lassen. Die Welle des Nationalstolzes als Gegenreaktion auf Trump konnte sich Obrador zunutze machen.

Einen Namen machte er sich in der mexikanischen Politik bereits in den Jahren 2000 bis 2005, in denen er die Hauptstadt regierte. Er trat zurück, um sich 2006 für das Amt des Präsidenten zu bewerben. Aber Obrador, der wegen der guten Arbeit in Mexiko-Stadt zu einiger Beliebtheit gelangt war, unterlag knapp. In der Folg sprach er von Wahlbetrug und diskreditierte sich damit ein Stück weit. Als er 2012 wieder antrat, konnte er daher auch nicht mehr an sein furioses Ergebnis anknüpfen. Nun hat er es geschafft. Unklar ist, was er den Mexikanern jenseits seiner einfachen Botschaften anzubieten hat. Für die einen bedeutet seine Wahl den Anfang vom Ende, für die anderen ist er ein Erlöser. Die Parallele zu Trump liegt nahe und wird von Beobachtern auch ins Spiel gebracht.

Die Stimmung im Volk hat sich gedreht

Im Wahlkampf hatte Obrador geschworen, den Präsidentenpalast mit einem riesigen Park der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem werde er den Privatjet, der dem Präsidenten zusteht, verkaufen und Linienflüge nutzen, um zu seinen Terminen zu kommen.

Innenpolitisch setzt er ganz auf den Kampf gegen die Korruption, die das Land lähmt. Zudem ist Mexiko aus der Hauptstadt heraus teilweise unregierbar, weil Drogenkartelle ganze Landstriche unter sich aufgeteilt haben und mit lokalen Gouverneuren gemeinsame Sache machen. In den vergangenen Jahren gab es einige spektakuläre Fälle, die auch juristisch aufgerollt wurden. Allerdings waren der Amtsinhaber Enrique Peña Nieto und seine Frau selbst in einige Korruptionsskandale verstrickt, die Schlagzeilen gemacht haben.

Auch darauf konnte Obrador im Wahlkampf rekurrieren. Die Stimmung im Volk hat sich gedreht, vor allem die Jugendlichen waren seine Fans. Als eine Art Bernie Sanders gilt der Mann mit den weißen Haaren, als eine Hoffnung für die heranwachsende Generation. In einem Land, in dem von der Müllabfuhr bis zur Baugenehmigung alles nur über Schmiergeldzahlungen läuft, fühlt sich diese Generation verloren.

Obrador bedient sich dabei der gängigen Rhetorik von Populisten: Er schmäht die Eliten und die Presse gleichermaßen als reich und abgehoben, jederzeit bereit, ihren eigenen Vorteil zu mehren. Er, Lopéz Obrador, sei hingegen ein Mann des Volkes.

Eher pro Freihandel

Die Kritiker Obradors warnen hingegen, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas nunmehr in der Hand eines Populisten sei, der sich im Wahlkampf nicht zu eindeutigen Aussagen zu seiner ökonomischen Agenda für das Land habe hinreißen lassen. Dahinter steckt die Frage: Ist Obrador ein linker oder ein rechter Populist? Mexiko hat, trotz allem, einen beachtlichen Erfolg vorzuweisen, seit das Land 1994 in das Freihandelsabkommen Nafta mit den USA und Kanada eingetreten ist. Die Freihandelszone hat allen Beteiligten viel gebracht. Mit der Rhetorik Trumps, diesen "schlechten Deal" nunmehr zu korrigieren, hat er Mexikaner und Kanadier gleichermaßen aufgebracht. Sollte Nafta zerfallen, würde das einen herben Rückschlag und das Ende des mexikanischen Traums bedeuten. Obrador hat sich gegen Ende des Wahlkampfs eher pro Freihandel und gegen Verstaatlichung von Unternehmen ausgesprochen. Er selbst hat in sein Team Leute aus verschiedenen Richtungen aufgenommen – unter anderem auch solche, denen er eigentlich den Kampf angesagt hat. Seine Anhänger verkaufen das als Pragmatismus, der herausstelle, dass Obrador eben kein ideologischer Populist sei.

Seine Gegner wiederum sind davon nicht zu beeindrucken. In ihren Augen ist Obrador ein herrschsüchtiger Charakter, der, wie Trump, beratungsresistent sei. Für die USA bedeutet der Wahlausgang, dass sie nunmehr an beiden Grenzen, zu Mexiko und Kanada, nicht mehr mit der Freundlichkeit als Nachbar gesehen werden, wie es bisher der Fall war. Die Wahl Obradors zeigt das Versagen der Politik in Washington. Für den Rest der Welt bedeutet das, egal wie sich Obrador am Ende zu Nafta positionieren wird, dass Populismus, der die nationale Karte spielt und für ökonomischen Isolationismus steht, nun mit voller Wucht auf dem nordamerikanischen Kontinent zum Tragen kommt – mit derzeit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft und die globale politische Ordnung. In dieser Hinsicht ist die Wahl in Mexiko relevant für die gesamte westliche Welt.