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Der Tod riecht süß und nach verbranntem Fleisch. Der Gestank ist überall, er zieht durch die staubigen Gassen der Altstadt von Mossul, bis in die Gewölbe von Abu Zayns Restaurant. Schon jetzt, kurz nach Sonnenaufgang, sind es an diesem Julitag 43 Grad. In wenigen Stunden werden es 50 Grad sein.

"Ich rieche das gar nicht mehr", murmelt Abu Zayn. Der 49-Jährige, rotes Shirt, graue Jeans, eckige Sonnenbrille, ist früh auf, wie jeden Tag. In einer Stadt, die in Abu Zayns Viertel kaum mehr ist als Schutthaufen, aufgetürmte Dachziegel und ausgebrannte Autowracks, gibt es viel zu tun. Jeden Morgen um sechs macht er sein Restaurant auf, abends um sechs schließt er ab.

Hinter seiner roten Theke an der Straße hat Abu Zayn Eier, Tomaten, Falafel, Fleisch und Fladenbrot platziert, daneben steht eine Truhe mit Fanta- und Coladosen. Von dort führt eine schmale Treppe hinab ins Restaurant: gedrungene Wände, von denen die türkisblaue Farbe abblättert, ein abgewetztes Sofa, rote Plastikstühle. Noch ist es leer, doch bald werden sich dort alle treffen: seine Söhne, die Freunde und Nachbarn aus der Straße. Sie werden essen und trinken, über die Toten und die Kämpfe sprechen, von dem Leben schwärmen, das sie einst hatten und das für immer verloren scheint. "Wir versuchen, den Terror zu verarbeiten", sagt Abu Zayn. "Jeden Tag aufs Neue."

Abu Zayn in seinem Restaurant © Andrea Backhaus für ZEIT ONLINE

Vor einem Jahr, im Juli 2017, wurden die Kämpfer des "Islamischen Staats" aus der nordirakischen Stadt vertrieben. Neun Monate hatte der Kampf um Mossul gedauert, es war die größte Schlacht um eine Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die irakische Armee hatte sich, unterstützt von Milizen, erst von Dorf zu Dorf vor Mossul gekämpft, dann zog sie, unterstützt von der US-amerikanischen Luftwaffe, den Ring immer enger. Straße um Straße, Haus um Haus, kämpften sich die Soldaten vor, lieferten sich Schusswechsel mit den Terroristen. Der IS attackierte fliehende Bewohner mit Autobomben und Mörsergranaten, er missbrauchte viele als menschliche Schutzschilde. Auch die Luftangriffe der US-geführten Koalition und die Raketen der irakischen Einheiten brachten vielen den Tod. Rund 10.000 Menschen starben bei den Kämpfen, fast eine Million floh in die angrenzende Autonome Region Kurdistan.

"Beide Seiten wollten sich nur noch auslöschen"

"Ich weiß nicht, was schlimmer war: die Herrschaft des IS oder die Schlacht, um ihn zu vertreiben", sagt Abu Zayn und schüttelt den Kopf. Früher wohnte er mit seiner Frau und den fünf Kindern in der Wohnung über dem Laden. Erst wenige Wochen vor den letzten Gefechten gelang ihnen die Flucht in ein Nachbarviertel, wo sie noch immer wohnen. Das Restaurant blieb unbeschadet. An die Zeit vor der Flucht erinnert sich Abu Zayn genau. Fast ununterbrochen wurde bombardiert, nur während des Mittagsgebets war es ruhig. Sie versteckten sich im Haus seines Vaters im selben Viertel, tagelang harrten sie im Keller aus. Dann wussten sie, dass sie wegmüssen. "Beide Seiten wollten sich nur noch auslöschen. Wir wären sonst gestorben."

Die Kämpfe haben die Stadt nicht überall gleich getroffen. Im Osten, auf der anderen Seite des Tigris, der schon im Januar 2017 vom IS zurückerobert wurde, wirkt es fast, als habe es nie Krieg gegeben. Nur die Gebäude, in denen sich die Terroristen verbarrikadiert hatten, sind zerstört, der Rest ist nahezu intakt. Auf dem Markt werden Obst, Gemüse, Reis und Backwaren angeboten, in den Cafés sitzen Alte und Junge, hören Musik und rauchen Shisha, Frisöre stutzen den Männern die Bärte – Dinge, die unter dem IS verboten waren und brutale Strafen nach sich zogen. Im Westen aber, wo sich die Terroristen bis zum Ende in den engen Altstadtgassen verschanzt hatten, gibt es nur noch Ruinen: Wohnhäuser, Schulen, Verwaltungsgebäude. Die Telefonmasten hängen quer über den Resten von Asphalt; Mauern, die noch stehen, sind löchrig geschossen; aus den Trümmern ragen verkohlte Autoreifen, Uniformfetzen, Kindersandalen; darunter liegen noch Hunderte Leichen, es wird Jahre dauern, sie zu bergen.

Irak - »Die Vorräte reichen kaum, um uns zu waschen« © Foto: Andrea Backhaus/ ZEIT ONLINE

In Abu Zayns Restaurant haben es sich ein paar Männer auf den Stühlen bequem gemacht. Er läuft zwischen den Tischen herum, lädt hier eine Falafel, dort eine Coladose ab. Vor fünf Wochen hat die Regierung einen Generator direkt vor seinem Laden aufgestellt. Die meisten Nachbarn haben keinen Strom, Abu Zayn aber kann nun für ein paar Stunden am Tag den Ventilator und den Fernseher laufen lassen, die Getränke kühlen. Immer wieder kommen Nachbarn vorbei, um sich vor den Ventilator zu setzen oder Nachrichten zu schauen. "Jetzt bin ich der beliebteste Mann in ganz Mossul", sagt Abu Zayn und lacht. Seine Gäste bestätigen das. Nicht nur wegen des Stroms kommen sie gern zu ihm. Abu Zayn sei die gute Seele von Mossul, sagen sie, er helfe allen. In seinem Laden hat er einen Kanister mit kostenlosem Trinkwasser aufgestellt, für jene, die nicht genug haben. Er stellt Listen mit den Namen der Bedürftigsten im Viertel zusammen und gibt sie an private Spender, reiche Iraker, die Lebensmittel, Medikamente und Kleidung zu den Menschen in Mossul bringen. Wenn er Brot oder Fleisch übrig hat, verteilt er es an die ärmeren Nachbarn. "So war es früher auch in Mossul: Jeder hat jedem geholfen", sagt Abu Zayn.