Der Innenminister verurteilte die Ausschreitungen "auf das Schärfste". Die Justizministerin rief zur Ruhe auf und versprach "totale Transparenz" bei den Ermittlungen. Und der Premierminister kündigte die Entsendung weiterer Polizisten an, "um den Respekt der öffentlichen Ordnung zu garantieren".

Doch ob diese offiziellen Ankündigungen helfen? Nach den Nächten der Gewalt in der westfranzösischen Stadt Nantes an der Loire scheint zumindest ein Teil der Bevölkerung die Obrigkeit vor allem als Feind wahrzunehmen. "L'état assassine" – der Staat mordet –, das ist der in einem Rechtsstaat ungeheuerliche Vorwurf nach dem Tod eines jungen Mannes während einer Polizeikontrolle. Er steht auf einem Transparent an einer Mauer an dem Ort, wo der 22-Jährige Abubakar F. am Dienstag von einem Beamten erschossen wurde.

Nach mehr als vier Tagen stellt sich nun heraus, dass der Beamte nicht aus Notwehr handelte, wie er zunächst zu Protokoll gegeben hatte. In der korrigierten Version seiner Aussage spricht der Polizist, der in Gewahrsam sitzt, nun von einem "Unfall". Inzwischen läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, der Verdacht lautet auf "mutwillige Gewalt" mit Todesfolge.

Ob das die aufgeladene Stimmung an diesem Wochenende entschärfen kann, ist ungewiss. Denn wieder einmal ist das Opfer von Polizeigewalt ein Bewohner der Banlieues, jener Vorstädte, für die Frankreich inzwischen traurige Berühmtheit erlangt hat. Und wieder einmal ist es eine mit der Situation offenbar überforderte Polizei, der mutwillige Gewalt vorgehalten wird – während diese sich selbst in erster Linie als Opfer sieht. 

Die Unruhen treffen ganz Frankreich

Die seit Tagen stattfindenden Unruhen treffen nicht nur Nantes, eine rund 280.000 Einwohner große Stadt, die bisher von ihren Bürgern als wenig aufregend geschätzt wurde. Sie treffen das ganze Land.

Es gab vor wenigen Jahren einmal einen französischen Minister, der selbstkritisch die Frage stellte, warum Menschen die Waffe gegen das Land richteten, in dem sie aufgewachsen sind. Er tat das nach den Pariser Terroranschlägen mit 130 Toten im November 2015. Für die Antwort, die der damalige Wirtschaftsminister gleich mitlieferte, wurde er von anderen Politikern gescholten, denn sie schrieb dem Staat eine Mitverantwortung zu für "Ungerechtigkeit, Diskriminierungen und, vor allem, das Scheitern des sozialen Aufstiegs". Die beste Prävention seien deshalb nicht nur verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, "sondern die Öffnung der Gesellschaft, sonst kann sie nicht bestehen".

Der Minister hieß Emmanuel Macron. Bald darauf trat er zurück und wurde zur Überraschung vieler voriges Jahr französischer Staatschef. Seither hat er vieles in Angriff genommen – nicht aber den Versuch, die soziale Kluft in der französischen Gesellschaft zu schließen. Im Gegenteil: Einen ambitionierten Plan zur Befriedung der Banlieues, den der Präsident selbst in Auftrag gegeben hatte, ließ er nach Fertigstellung vor wenigen Wochen in der Schublade verschwinden. Geblieben sind nur ein paar Subventionen für Unternehmer, die benachteiligten Jugendlichen einen unbefristeten Arbeitsvertrag geben. Oder die Nachbarschaftspolizei, die in Brennpunktvierteln das Vertrauen der Anwohner in die Staatsgewalt steigern soll.