Autorin Claudia Major ist Senior Associate der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer der wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen für außen- und sicherheitspolitische Fragen. Die SWP berät den Bundestag und die Bundesregierung.

Nato-Gipfel sind in der Regel durchchoreographierte Ereignisse. Die Staats- und Regierungschefs treffen zuvor ausgehandelte Entscheidungen und legen Arbeitspläne bis zum nächsten Gipfel fest. Vor allem demonstrieren sie Zusammenhalt und Solidarität, damit Freund und Feind glauben, dass die Nato-Staaten im Krisenfall tatsächlich füreinander einstehen.

Doch dieser Gipfel droht von der Routine abzuweichen. Der Grund ist mal wieder US-Präsident Donald Trump: Niemand weiß, wie er sich verhalten wird, aber viele befürchten das Schlimmste.

Gibt es eine Neuauflage des G7-Gipfels, als Präsident Trump sich per Tweet aus dem Abschlusskommuniqué verabschiedete? Oder wird er den strengen Patriarchen geben, der zwar poltert, aber die Familie letztlich zusammenhält? Das Problem ist: Alles ist vorstellbar, und zwar nicht nur, weil Präsident Trump traditionelle Verhaltensregeln ignoriert, sondern vor allem, weil die gemeinsame transatlantische Basis bröckelt. Die Unterschiede zwischen den außenpolitischen Zielen und Prinzipien der Europäer und der USA nehmen zu – das ist das eigentlich Beunruhigende, und das geht über die Nato hinaus.

Früher wurden Konflikte kontrolliert

Dabei ist der Gipfel wie immer perfekt vorbereitet. Er soll vor allem die 2014 nach der Krim-Annexion beschlossene Refokussierung auf Bündnisverteidigung fortsetzen, beispielsweise mit besserer Verteidigung und Abschreckung im Osten. Im Süden will das Bündnis noch wirkungsvoller Krisenregionen stabilisieren und den Terrorismus bekämpfen. Ebenfalls auf der Agenda stehen die Zusammenarbeit zwischen EU und Nato und eine Einladung an Mazedonien, der Nato beizutreten. Dominieren könnte das Thema Lastenteilung, also die faire Verteilung des Aufwands, der für eine gemeinsame Verteidigung in der Nato anfällt. Präsident Trump findet, dass die Europäer zu wenig ausgeben und sich ihre Sicherheit von den USA finanzieren lassen.

Die Konfliktlinien bei diesen Themen sind bekannt. Die diplomatische Routine in der Nato konnte sie bislang stets einhegen und aus der Öffentlichkeit heraushalten. Und so konnten die Staaten auf jedem Gipfel Solidarität als zentrale Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Allianz demonstrieren. Das war allen Alliierten wichtig, denn am Ende ist die Nato ihre Lebensversicherung.

Auf diesem Gipfel droht die Solidaritätsdemonstration zu scheitern. Stattdessen könnte es zu öffentlichen Konflikten kommen, billigend in Kauf genommen, wenn nicht gar aktiv angestiftet von Präsident Trump.

Ein Konflikt ist deshalb so wahrscheinlich, weil die USA und Europa mittlerweile außenpolitisch oft gegensätzliche Positionen vertreten und Präsident Trump die Abgrenzung nicht scheut. So wollen die USA das Pariser Klimaabkommen verlassen, an dem die Europäer festhalten. Washington hat unilateral das Iran-Abkommen aufgekündigt, während die Europäer es beibehalten wollen. Präsident Trump kündigt einen bilateralen Gipfel mit Russland an und sein Sicherheitsberater will nicht ausschließen, dass er die Annexion der Krim anerkennt. Dabei war genau diese völkerrechtswidrige Annexion der Grund, warum die Nato sich neu aufstellt.