Am Mittwochabend stand Theresa May allein vor einer geschlossenen Tür im Parlamentsgebäude und wartete, bis sie eingelassen würde. Die Unterredung mit dem 1922-Komitee, dem einflussreichen Gremium der Tory-Hinterbänkler, war der letzte Termin an diesem hektischen Tag. Die Premierministerin stand da wie eine Schülerin vor dem Büro des Rektors, der über ihre Zukunft entscheiden wird.

Die Szene hat Symbolkraft: Zwei Jahre nach ihrer Wahl ist Mays politisches Kapital aufgebraucht. Längst vergessen ist das Selbstbewusstsein, mit dem sie im Juli 2016 das Amt übernommen hatte. Bei ihrer Antrittsrede schwärmte sie, dass die Briten dank des Brexit ein neues Land errichten könnten, eines, das auf "Anstand, Fairness und leiser Entschlossenheit" beruhe. Nichts ist übrig geblieben von dieser Zuversicht. Dieser Tage könnte May es als Erfolg sehen, wenn sie abends als Premierministerin zu Bett geht und am nächsten Morgen noch immer als Premierministerin aufwacht.

Gerade hat sie die wohl schwierigsten, nervenaufreibendsten zwei Wochen ihrer Amtszeit hinter sich gebracht. Mehrere Minister sind aus Protest gegen ihren Brexit-Kurs zurückgetreten, haarscharf entging sie einer möglicherweise fatalen Niederlage im Parlament, mehrere Male sah es aus, als stünde der Zusammenbruch der Regierung unmittelbar bevor. Bislang hat sie überlebt, aber die Autorität ist verschwunden. May sei nur noch ein Geist, schrieb der Daily Telegraph kürzlich: "Die Frage ist nicht mehr, ob sie ihren Job verlieren wird, sondern wann."

Dass ihre Amtszeit dermaßen in die Hose gehen würde, hatte niemand erwartet. Als eine ehemalige Brexit-Gegnerin, die sich dann dem Brexit verschrieben hatte, schien sie die Richtige zu sein, um das Land aus der EU zu führen, ohne es weiter zu spalten. Viele ihrer Kollegen verwiesen damals auf die Qualitäten, für die sie seit Beginn ihrer politischen Karriere bekannt ist: Sie gilt als zuverlässig, besonnen und arbeitsam.

Sie mischte sich ungern unter Leute

Bereits in den späten Achtzigerjahren, nachdem sie in den Gemeinderat im Londoner Stadtbezirk Merton gewählt worden war, stieg sie dank dieser Attribute zur stellvertretenden Vorsitzenden auf. Damals arbeitete sie noch Vollzeit als Finanzberaterin, hatte aber stets politische Ambitionen und bemühte sich bald um einen Sitz im Unterhaus. Als Frau fiel sie auf: Zwar hatte Margaret Thatcher die Tories 15 Jahre lang angeführt, dennoch dominierten weiße Männer die Partei. Als May 1997 ins Parlament gewählt wurde, zog sie als eine von nur 13 weiblichen Tories ins Unterhaus.

Sie selbst war sich des verstaubten Images ihrer Partei bewusst. 2002 zog sie den Groll vieler Kollegen auf sich, als sie auf der Jahreskonferenz warnte, die Konservativen müssten ihren Ruf als "fiese Partei" loswerden – eine Aufforderung zur gesellschaftlichen Erneuerung. Drei Jahre später gehörte sie zu den Gründerinnen des Netzwerks Women2Win, das Frauen aufmunterte, sich politisch zu engagieren.

Kollegen beschrieben sie als freundlich. Aber May mischte sich ungern unter Leute und knüpfte kaum außerberufliche Kontakte. In Westminster, wo Geschwätz und der informelle Austausch im Café oder im Pub zum täglichen Geschäft gehören, war das ungewöhnlich. Mays Beraterinnen und Berater waren sich bewusst, dass die Chancen auf künftige Karrieresprünge dadurch beeinträchtigt werden könnten, und sie bemühten sich, Mays Sinn für Geselligkeit – die sogenannte clubbability – zu schärfen: Als sie unter dem damaligen Oppositionschef David Cameron verschiedene Ämter im Schattenkabinett besetzte, wurde sie genötigt, sich jeden Mittwoch nach der parlamentarischen Fragestunde in den Tearoom zu begeben und mit ihren Kollegen auszutauschen. Ganz ablegen konnte sie ihre Hölzernheit bei sozialen Anlässen jedoch nicht.