Es war ein letztes Flehen an seine Peiniger: "Habt Erbarmen mit mir", röchelte er. Vor den Augen seiner Mitgefangenen fiel der nackte, blutende Mann kopfüber mit dem Gesicht auf den Steinboden. Eilends rafften die Folterknechte den Sterbenden in eine Decke und schafften ihn ins Krankenhaus. Doch es war zu spät. Keine drei Tage überlebte der 27-jährige Rachid Chammakhi seine Verhaftung am 24. Oktober 1991 – zu Tode gemartert von Tunesiens Nationalgarde in Nabeul.

Mehr als ein Vierteljahrhundert danach befasst sich nun erstmals ein Gericht mit dem Staatsmord an dem jungen Mann, der der islamistischen Ennahda-Bewegung angehörte. "Rachid, du Märtyrer, wir geben unser Blut, damit du dein Recht bekommst", riefen Demonstranten vor dem Justizpalast in der Mongi-Slim-Straße von Nabeul. Sie schwenkten Fotos des Opfers, während dessen sechs Schwestern und zwei Brüder stumm und mit angespannten Mienen im Inneren des neo-maurischen Gebäudes verschwanden.

Das Verfahren in Saal 1 könnte Geschichte schreiben. Zum ersten Mal versucht mit Tunesien ein arabisches Land, sechs Jahrzehnte Diktatur unter Habib Bourguiba und Zine el-Abidine Ben Ali juristisch aufzuarbeiten. Mit der sogenannten Übergangsjustiz will das nordafrikanische Land die Staatsverbrechen zwischen 1955 und 2013 aufklären, die Täter ermitteln und den Opfern zu ihrem späten Recht verhelfen.

Tunesiens Verfassungsgebende Versammlung schuf dafür nach dem Vorbild von Südafrika die "Instanz für Wahrheit und Würde" (IVD), an deren Spitze die 67-jährige ehemalige Journalistin und Regimegegnerin Sihem Bensedrine steht; eine Frau, die wegen ihrer Kompromisslosigkeit auch in der eigenen 15-köpfigen Kommission Rücktritte und Querelen auslöste. Seit 2014 arbeiteten sich die Spezialisten durch knapp 50.000 Fälle, darunter 13.000 von Frauen, die in die Fänge der Sicherheitsdienste geraten waren. Das Gremium, völlig überrascht von den Dimensionen der ihr gemeldeten Staatswillkür, soll die Verantwortlichen ermitteln, die Opfer rehabilitieren, für Versöhnung werben sowie Reformvorschläge für Ministerien, Polizei und Justiz machen, damit sich Folter und Missbrauch nicht wiederholen. Vor anderthalb Jahren schockte eine Serie öffentlicher Anhörungen die Nation, als Opfer aus dem ganzen Land über ihre Schicksale, über ihren Schmerz und ihre Erniedrigung sprachen. Ein Drittel der Tunesier saß damals vor dem Fernseher, inzwischen ist das Interesse der einheimischen Medien nahezu erloschen. 

"Ein Sieg für alle Tunesier"

Das gilt auch für die brisanten Gerichtsverfahren, in denen jetzt rund 200 besonders exemplarische Verbrechen aufgerollt werden sollen. Den Anfang machte Ende Mai in der Küstenstadt Gabes der Fall des zu Tode gefolterten Kamel Matmati. Als nächster folgte in Nabeul, der Nachbarstadt des Touristenmagnets Hammamet, der Fall von Rachid Chammakhi, dem Zweitjüngsten einer neunköpfigen Geschwisterreihe. Wie in Gabes, erschien auch in Nabeul keiner der drei Dutzend Angeklagten vor Gericht, darunter ehemalige Polizisten der Nationalgarde, zwei Ärzte, die damaligen Innen- und Justizminister Abdallah Kallel und Sadok Chaabane sowie Ex-Diktator Ben Ali, der heute im Exil in Saudi-Arabien lebt. Trotzdem sei es "ein Sieg für alle Tunesier", dass diese Prozesse jetzt geführt würden, sagte Kommissionschefin Sihem Bensedrine.

Denn für die Aufklärer wird es immer schwieriger. Die seit ihrem Wahlsieg im Oktober 2014 regierende Nidaa Tounes Partei, der viele ehemalige Regimegrößen angehören, würde am liebsten sehen, dass das alte Unterdrückungssystem in Vergessenheit gerät. Ähnlich denkt auch Präsident Beji Caid Essebsi, der in den Sechzigerjahren selbst Innenminister war, und in dessen Amtszeit harte Repressionen gegen linke Studenten fielen. "Ich bin dagegen, die Rechnungen der Vergangenheit zu begleichen", sagte er. Mit einem eigenen "Gesetz zur Versöhnung in der Verwaltung", was im September 2017 in Kraft trat, will der 91-jährige Staatschef jetzt korrupte Beamte reinwaschen. Den öffentlichen Opferanhörungen der "Instanz für Wahrheit und Würde" blieb er demonstrativ fern. Im März verweigerte das Parlament der Wahrheitskommission die mögliche Verlängerung ihres Mandats um ein zusätzliches Jahr bis Mai 2019, obwohl der entscheidende Schlussbericht noch nicht fertig ist. Nach längerem Tauziehen soll die Aufklärungsarbeit nun offenbar im Dezember enden. Was dann mit den Tausenden anhängigen Verfahren geschieht, ist offen. Die Justizoberen würde am liebsten alles den regulären Gerichten übergeben, die noch vorwiegend mit Richtern aus der Ben-Ali-Zeit besetzt sind.