Es sind deutlich mehr Leute gekommen als erwartet, im letzten Moment muss das Rednerpult ein paar Treppenstufen hochgetragen werden, damit alle etwas sehen können. Alexandria Ocasio-Cortez wartet am Bühnenrand des langgezogenen Raumes im Halbschatten auf ihren Auftritt. In diesem Moment in der Stadt Flint im US-Bundesstaat Michigan wirkt die berühmte New Yorkerin plötzlich ein bisschen verloren. Doch kaum erklingt ihr Name, tritt sie auf und ist sofort in ihrem Element. "Es ist gut, wieder in Flint zu sein!", ruft sie, nimmt das Mikrofon vom Ständer und geht die Stufen hinunter, um näher beim Publikum zu sein. Applaus. Viele stehen auf. Bei dieser Wahlkampfveranstaltung des demokratischen Gouverneurskandidaten in Michigan setzen die Menschen große Hoffnungen auf Ocasio-Cortez – so wie viele Liberale im ganzen Land.

Die 28-jährige Ocasio-Cortez gilt als Shootingstar der Linken in der Demokratischen Partei. Sie kämpft für eine staatliche Krankenversicherung, fordert einen Mindestlohn von 15 Dollar und will das Wahlfinanzierungsgesetz reformieren. Im Juni hat sie mit diesen Ideen bei den Vorwahlen zum Repräsentantenhaus in New York den innerparteilichen Rivalen Joseph Crowley besiegt – mit einem Vorsprung von 13 Prozent und einem Bruchteil von dessen Budget. Ocasio-Cortez warb mit ihren viel linkeren Positionen auf Instagram genauso um Stimmen wie auf der Straße. Crowley nahm die junge Gegenkandidatin so lange nicht ernst, bis es zu spät war.

Weil es richtig war

An diesem Mittag in Flint spricht sie frei, ihre Stimme füllt den Raum, ohne dass sie sie heben muss. Viele hätten ihr abgeraten, gegen einen etablierten Kandidaten wie Crowley anzutreten, sagt sie jetzt. "Ich war entweder zu jung, zu latina, zu weiblich, zu unerfahren – oder alles zusammen." Durchgesetzt hat sie sich trotzdem. Oder gerade deswegen.

Und jetzt soll sie helfen, das Wunder aus der Bronx hier im Rust Belt für die Linken zu wiederholen. Denn am 7. August entscheiden die Demokraten in Michigan, wen sie im November ins Rennen um den Gouverneurssitz schicken wollen. Wenn es nach jenen geht, die heute hier sind, dann soll es Abdul El-Sayed werden – ein 33-Jähriger mit Ansichten, die für einen Gouverneur in den USA ungewöhnlich links sind, ein ehemaliger Arzt mit einem Doktortitel aus Oxford, der heute das Gesundheitsamt in Detroit leitet. Außerdem ist er Muslim.

"Wir werden ihnen hier genauso zeigen, dass sie falsch liegen, wie wir es in New York getan haben", ruft Ocasio-Cortez, und in den Reihen vor ihr bricht Jubel aus. Auch hier erinnert sie immer wieder an ihre Wurzeln in der hispanischen Gemeinde. In den besten Momenten klingt ihre Rede wie ein Poetry Slam. "Little girl, that ain’t possible, stop selling a pipe dream", hätten jene zu ihr gesagt, die seit Jahren im Geschäft sind. Kleine, hör auf, dir und anderen etwas vorzumachen. "Aber wir haben weitergemacht, nicht weil die Umfragen gesagt haben, dass es schlau ist, sondern weil es richtig war." Ihr New Yorker Akzent ist hörbar, sie spricht direkt und hat die Zuhörer mit "Hey everyone!" begrüßt. Gekünstelte Phrasen von Politikprofis sind ihr fremd, auch deshalb mögen die Leute sie.

Ocasio-Cortez trägt ein schwarzes ärmelloses Kleid, über dessen Vorderseite sich ein langer Reißverschluss zieht. Die schwarzen Haare hat sie zum Dutt gebunden. Sie hält dem Publikum ihre schwarzen halbhohen Schuhe entgegen: "Schaut mal, wie durchgelaufen die sind." Das sei der Kampf, der nötig sei, um etwas zu verändern.

Wunderbar sei sie gewesen, einfach wunderbar, schwärmt eine Zuhörerin anschließend. "Als ich gesehen habe, dass Alexandria hier ist, war für mich klar, dass ich kommen muss", sagt eine andere. Es sei das erste Mal, dass sie wirklich begeistert sei von einer Kandidatin. "Sie ist fast so wie wir."

Ein politischer Rockstar

In Detroit: Alexandria Ocasio-Cortez macht Wahlkampf für Abdul El-Sayed, den linken demokratischen Kandidaten im US-Bundesstaat Michigan. © Bill Pugliano/Getty Images

Viel ist die New Yorkerin in diesen Tagen unterwegs – und das ganze Land guckt zu. Der gewonnene Kampf Ocasio-Cortez gegen Crowley ist zum Gradmesser geworden für die Auseinandersetzung innerhalb der demokratischen Partei. Auf der einen Seite steht das Establishment um Nancy Pelosi und Chuck Schumer, den obersten Demokraten im Kongress, auf der anderen die neuen jungen Linken. Und Ocasio-Cortez ist das kamerataugliche Gesicht dieser jungen Bewegung. Sie gibt CNN und NPR Interviews, Magazine wie der New Yorker widmen ihr mehrseitige Porträts, sie wird in den Late-Night-Shows der Fernsehsender herumgereicht.

Ocasio-Cortez, schrieb die New York Times, sei auf einen Schlag zum "politischen Rockstar" geworden. Ihr Einzug in den Kongress im November gilt als sicher, denn ihr New Yorker Bezirk wählt gewöhnlich zu 75 Prozent demokratisch. Ocasio-Cortez wäre dann die jüngste – und bislang linkeste – Abgeordnete in Washington.

Jetzt laden erst mal die anderen Kandidaten der Linken innerhalb der Demokraten im ganzen Land Ocasio-Cortez ein in der Hoffnung, es mit ihrer Hilfe selbst auf die große politische Bühne zu schaffen. So wie Abdul El-Sayed in Flint. Drei Veranstaltungen sind allein an diesem einen Tag in Michigan geplant. Hier setzte sich 2016 Bernie Sanders bei den Vorwahlen der Demokraten knapp gegen Hillary Clinton durch, später gewann der Republikaner Donald Trump bei der Präsidentenwahl auch diesen Bundesstaat, aber nur mit 0,25 Prozentpunkten Vorsprung. Abdul, wie er auf seinen Wahlplakaten schlicht heißt, will die superknappe Mehrheit im Staat zurückholen und den republikanischen Gouverneur stürzen.

"Mach mich stolz"

Noch vor einem Jahr kannte niemand Ocasio-Cortez. Sie wuchs in der Bronx auf, eine Stunde von Manhattan entfernt. Ihre Eltern kamen aus Puerto Rico aus einfachsten Verhältnissen, der Vater arbeitete sich zum Architekten hoch. Um ihrer Tochter eine gute Schulbildung zu ermöglichen, kauften die Eltern mithilfe von Verwandten ein kleines Haus mit zwei Zimmern im nahe gelegenen Yorktown Heights, wo die Schulen besser waren als in der Bronx und die Mitschüler fast ausschließlich weiß. Das erzählte Ocasio-Cortez dem New Yorker.

Mit Stipendien und Studienkrediten schaffte sie es an die Universität in Boston. Ihr Vater sagte ihr damals kurz vor seinem Tod: "Mach mich stolz." Um ihn zu ehren und sich selbst abzulenken, konzentrierte sie sich nun besonders auf das Studium. Dem New Yorker sagte sie: "Ich habe das sehr ernst genommen, meine Noten wurden auf einen Schlag besser."

Sie wechselte von Biochemie zu Volkswirtschaft und Internationaler Politik, nebenbei arbeitete sie für den demokratischen Senator Edward Kennedy. Sie wollte Lösungen für die Probleme finden, die sie aus der eigenen Familie und dem eigenen Viertel kannte. Später zog sie zurück in die Bronx in eine Einzimmerwohnung, dort holten sie diese Probleme ein. Ohne Vater fehlte der Familie das Geld, und um sie zu unterstützen, arbeitete Ocasio-Cortez als Kellnerin in einem mexikanischen Restaurant in Manhattan, verschob ihre Karriere und fand gerade noch  Zeit für Freiwilligenarbeit für den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders.

Nicht alle sind begeistert

Auftritt am 20. Juli 2018 in Wichita im US-Bundesstaat Kansas © J Pat Carter for the Washington Post/Getty Images

Den Beginn ihrer Bekanntheit hat sie schließlich ihrem Bruder zu verdanken. Er schickte in ihrem Namen eine Bewerbung an den Brand New Congress, eine Organisation ehemaliger Mitarbeiter von Sanders, die nach neuen progressiven Kandidaten suchte, um sie gegen die alteingesessenen demokratischen Abgeordneten in Washington in die Vorwahlen zu schicken. Als sie im Herbst 2016 einen positiven Rückruf erhielt, war sie gerade auf dem Weg von Standing Rock im Bundesstaat North Dakota, wo mehrere Sioux gegen den Bau einer Pipeline in ihrem Reservat protestiert hatten. Dann bekam sie Medientraining, Mitarbeiter der Organisation schulten sie in den wichtigsten politischen Themen, erklärten Formalia bei der Anmeldung als Kandidatin und bereiteten sie auf öffentliche Debatten vor.

In den folgenden Monaten riefen sie und ihr Team aus Freiwilligen 75.000 Wähler an, sie klopften an 120.000 Türen und verschickten 120.000 Textnachrichten. Ocasio-Cortez knüpfte Verbindungen zu Nachbarschaftsgruppen, zur örtlichen Vertretung der Black-Lives-Matter-Bewegung, im Ramadan brach sie das Fasten mit den Muslims for Progress in Queens. "Der einzige Weg, einen Amtsinhaber zu besiegen, ist es, mehr zu arbeiten als er", sagt sie in einem kurzen Clip auf Instagram, der sie in einem Straßenzug in der Bronx zeigt.

Die junge Bernie

Wie stark die Marke Ocasio-Cortez mittlerweile unter den Linken im Land ist, zeigt sich an diesem Tag in Michigan. Vor ihren Auftritten stehen die Menschen Schlange, auf ihren T-Shirts steht "#Resist", "I stand with immigrants" und natürlich: "Bernie". "Wir kämpfen denselben Kampf", sagt Ocasio-Cortez in Flint. Dabei hat der Westen dieses Bundesstaats auf den ersten Blick wenig mit ihrer Heimat gemeinsam. Mit dem Auto – ohne kommt man nicht weit – fährt man an sorgfältig gepflegten Rasenflächen und Häusern vorbei, deren Holzfassaden immer frisch gestrichen scheinen. Knapp 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind weiß, viele arbeiten für die großen Autohersteller in Detroit, das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei 60.000 Dollar.

Flint mit seinen knapp 100.000 Einwohnern wurde vor ein paar Jahren bekannt, weil das Trinkwasser lange hohe Bleianteile enthielt und die Verantwortlichen nichts dagegen unternahmen. Auch Ocasio-Cortez war damals hier, um zu protestieren. Das Problem ist bis heute nicht behoben. Daher haben die Menschen in Flint deutlich das Gefühl, von den Vertretern in den Gouverneurssitzen und im Kongress vergessen worden zu sein. "Lasst euch nicht erzählen, dass wir ganz anders sind", sagt Ocasio-Cortez jetzt. Gerade sei ein erhöhter Bleigehalt im Trinkwasser der Bronx entdeckt worden. Wie Amerika Flint behandle, stehe auch dafür, "wie wir den Rest des Landes behandeln".

Schlicht beängstigend

Trotz der umjubelten Auftritte teilen nicht alle die Begeisterung für Ocasio-Cortez, auch nicht im demokratischen Lager. Das Establishment der eigenen Partei fürchtet, die Programme der neuen linken Bewegung könnten vielen Wählern zu weit gehen. Nancy Pelosi bezeichnete den Wahlsieg von Ocasio-Cortez vorsichtshalber als lokales Phänomen. In Interviews wehrte sich die 78-jährige Abgeordnete aus Kalifornien gegen den Verdacht, die Partei werde zunehmend sozialistisch – die konservativen Medien hatten nach dem Sieg von Cortez vor einer "roten Welle" gewarnt. Auch in Michigan sieht man auf den Rasenflächen der Vororte Schilder mit Aufschriften wie "Sozialismus+Kommunismus = Armut+Elend". Und als Ex-Präsident Barack Obama in dieser Woche demokratische Kandidaten im Land zur Wahl empfahl, fehlte ihr Name auf der Liste. Sean Hannity, Fox-Moderator und Trump-Loyalist, bezeichnete die junge Kandidatin aus New York als "schlicht beängstigend".

Die linke Bewegung innerhalb der Demokraten war noch nie so stark wie heute. Die Organisation Democratic Socialists of America, die 1982 gegründet wurde und auch hinter Ocasio-Cortez steht, hatte 2016 noch 5.000 Mitglieder, heute sind es mehr als 46.000. Und die wirtschaftliche Realität im Land treibt ihr immer neue Mitglieder zu. 78 Prozent aller US-Amerikaner haben zum Beispiel trotz eines Vollzeitjobs nicht genügend Ersparnisse, um einen Monat ohne Arbeit zu überstehen. Für sie sind die Forderungen der Linken nach einem höheren Mindestlohn, staatlicher Krankenversicherung und bezahlbaren Colleges sehr attraktiv.

"Wenn man sich die Positionen genau anschaut, dann sind sie noch immer sehr zahm", sagt Daniel Ziblatt, Parteienforscher an der Universität Harvard. Der Begriff Sozialismus sei vor allem ein Mittel, um die Wähler zu mobilisieren. Allerdings berge er auch Risiken. "In bestimmten Regionen im Land tun die Kandidaten gut daran, das Wort zu vermeiden", sagt Ziblatt. Im Einzelfall werde sich zeigen, wo sich besonders progressive Kandidaten durchsetzten und wo nicht. Die Demokraten seien sehr vielschichtig und vereinigten ein breites politisches Spektrum. Die linke Bewegung schöpfe ihre Kraft vor allem aus der Ablehnung der aktuellen Regierung, nicht so sehr aus dem Frust mit der eigenen Partei.

Den Staffelstab weiterreichen

Hier kommt sie her: Alexandria Ocasio-Cortez in New York. © Alexandria Ocasio-Cortez Campaign/AP/dpa

Zu Hause in der Bronx ist man stolz auf Ocasio-Cortez' Vorwahlerfolg. Im Dreieck von Castle Hill Avenue, Starling Avenue und Union Port Road reihen sich indische Bekleidungsgeschäfte an asiatische Schnellrestaurants und Supermärkte, in denen es koscheres Fleisch gibt. Hier liegt auch das Lieblingsrestaurant von Ocasio-Cortez, die Taqueria Tlaxcalli, gleich um die Ecke von ihrer Wohnung. Auf der Speisekarte stehen einfache Reisgerichte mit Huhn oder Rind, die Wände sind gelb, grün und blau. Draußen am Fenster hängt noch immer das Poster, das die vergangene Fernsehdebatte zwischen Ocasia-Cortez und Joseph Crowley ankündigt.

"Ich drücke ihr die Daumen für November", sagt Yesenia Caballeroy, die Inhaberin der Taqueria Tlaxcalli. Als sie acht war, kam sie aus Honduras in die USA, seitdem lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in der Bronx. In ihrer Heimat war sie zuletzt mit 18, heute ist sie 47. Ocasio-Cortez sei für Leute wie sie da, genauso wie Bernie, sagt sie. "Ich glaube, sie kann wirklich etwas verändern in Washington."

Auch in der Bronx gebe es natürlich viel zu verändern, sagt Caballeroy, die Mieten seien zu hoch, die Krankenversicherung könnten sich viele nicht leisten. Ihre Mutter ist 74, sie hat Probleme mit den Knien und kann von den Zahlungen der Sozialversicherung kaum leben. Ocasio-Cortez wohne selbst hier, sie wisse, was die Leute beschäftige. Ihr Gegenkandidat sei dagegen zu alt und zu lange in Washington gewesen. Er habe vor der Wahl nur einmal kurz vorbeigeschaut. "Er versteht uns nicht." Sie hofft nur, dass sich Ocasio-Cortez treu bleibe, später im fernen Washington.

Metaphern einer Bewegung

Ocasio-Cortez' dritter Michigan-Auftritt ist abends in Detroit. Sie hat sich warm geredet, sie spricht vor Studenten, die kaum jünger sind als sie. Das hier, sagt sie und zeigt in den Raum, sei nur die Schaumkrone der Welle, die erst verebben werde, wenn sie das ganze Land durchzogen und einen Kandidaten nach dem anderen aus dem Amt gespült habe.

"Ich bin hier, um den Staffelstab zu überreichen", ruft sie, ein Bild, das sie sich bei Obama geliehen hat. "Wir haben es in der Bronx geschafft – und wir werden es hier schaffen."