Diego López hat den Ort des Attentats von Barcelona jeden Tag im Blick. Das Studio des Masseurs liegt an der Rambla, der Flaniermeile im Zentrum Barcelonas. Von dem Eckhaus sieht er Joan Mirós buntes Bodenmosaik, über das tägliche viele Einheimische und Touristen laufen. "Mir wird immer noch ganz flau, wenn ich daran denke, dass das alles noch viel schlimmer hätte enden können", sagt López. Nachdenklich blickt er auf die Blumen, die viele Passanten zum Jahrestag der Anschläge niedergelegt haben.

Am Nachmittag des 17. August 2017 hatte Younes Abouyaaqoub, ein in Spanien aufgewachsener Marokkaner, einen weißen Kleintransporter im Zickzack über die Rambla gefahren. Der 22-Jährige tötete 14 Menschen und verletzte 118. Auf dem Blumenmosaik, das Diego López jeden Tag im Blick hat, stoppte Abouyaaqoub den Transporter und flüchtete.

Die katalanische Polizei erschoss ihn vier Tage nach dem Attentat. Wie die Ermittlungen ergaben, war er Teil einer Terrorzelle: Fünf weitere Mitglieder wurden noch am Abend des 17. August im Strand- und Ferienort Cambrils getötet, als sie wenige Stunden nach dem Attentat von Barcelona versuchten, eine Polizeisperre zu durchbrechen und in eine Menschenmenge an der Hafenpromenade zu fahren. In Cambrils starb eine Passantin, sieben Menschen wurden verletzt.

Gab es internationale Verbindungen?

Insgesamt sollen zwölf vor allem junge Männer zur Terrorzelle aus dem katalanischen Bergstädtchen Ripoll gehört haben. Was die spanische Polizei bei ihren Ermittlungen sorgenvoll stimmte: Ursprünglich hatten die Männer ein viel größeres Attentat geplant, mit Gasflaschen und selbstfabriziertem Sprengstoff aus Aceton und Wasserstoffperoxid, den in Drogerien erhältlichen Grundzutaten für den Sprengstoff TATP.

Bis zu 200 Kilogramm davon sollen die Attentäter in ihrer Bombenwerkstatt in Alcanar fabriziert haben – mehr als jede europäische Dschihadisten-Zelle zuvor. Mögliche Ziele: das Fußballstadion Camp Nou oder Groß- und Schwulendiskotheken in Barcelona oder in den Badeorten Sitges und Lloret del Mar, Musikfestivals in Benicàssim – Orte, die in den Augen der in Spanien großgewordenen Marokkaner ganz besonders für die "verwerfliche westliche Lebensart" standen.

Doch dann gab es am 16. August, einen Tag vor dem Attentat auf der Rambla, in einem Wohnhaus in Alcanar 200 Kilometer südlich von Barcelona eine gewaltige Explosion. Hier hatte die Gruppe das Sprengmaterial fabriziert und deponiert. Durch die Explosion wurde auch der mutmaßliche Kopf der Gruppe, der Imam Abdelbaki Es Satty, und ein weiteres Mitglied getötet. Der Rest entschloss sich daraufhin zu improvisierten Angriffen mit Mietautos.

Ein Jahr danach beschäftigt die Ermittler weiter die Frage nach den internationalen Verbindungen der Gruppe. "Darauf liegt ganz klar unser Schwerpunkt", sagt Manel Castellví von der katalanischen Regionalpolizei Mossos d'Esquadra. Der Imam Abdelbaki Es Satty hatte früher in Belgien gelebt und gearbeitet. Im Winter 2016/2017, als die Attentatspläne für Spanien vermutlich reiften, reisten auch die drei Mitglieder Younes Abouyaaqoub, Youssef Aalla und Mohamed Hychami nach Belgien. Zwei von ihnen hatten eine Woche zuvor außerdem die umstrittene An-Nur-Moschee in Winterthur in der Schweiz besucht.

Die neue Spur führt auch nach Frankreich. In den Trümmern der Bombenwerkstatt fanden die Ermittler Fotos und Videos, auf denen die Attentäter vor dem Eiffelturm posieren und einen Lieferwagen prüfend in Anschein nehmen. Auch die ausgewerteten Telefondaten – unter anderem über Prepaid-Handies – bezeugen Besuche und rege Kontakte in Frankreich wenige Tage vor dem Attentat.