Gab es eine zweite Terrorzelle oder Unterstützer im Nachbarland? Die französische Polizei hat in Zusammenhang mit den Barcelona-Attentaten seit Anfang des Jahres mehrere Personen festgenommen und eine französisch-spanische Polizeigruppe eingerichtet. 

Laut einem Bericht des britischen Senders BBC erzählte einer der drei noch lebenden Terrorverdächtigen den Ermittlern, dass der Ripoller Imam Es Satty Kontakt zu einem französischen Imam mit einer acht- bis neunköpfigen Zelle gehabt habe. "Solche Verbindungen sind üblich", sagt auch der spanische Dschihadismus-Experte Francisco Villacampa. Oft werden die europäischen Gruppen von Mittelsmännern miteinander vernetzt. Diese Mittelsmänner dirigierten dann die Attentate von außerhalb Europas. 

Es Satty, der Imam, der die jungen Männer in Ripoll radikalisiert haben soll, war kein Unbekannter in der spanischen Islamisten-Szene. Bereits einmal geriet er ins Visier der Ermittler. Bei der Durchsuchung der Wohnung eines mutmaßlichen Terroristen-Rekrutierers wurden seine Papiere gefunden.

Als Es Satty wegen eines Drogendelikts im Gefängnis saß, hatte der spanische Geheimdienst CNI außerdem mehrere Gespräche mit ihm geführt. War er wegen möglichen Verbindungen zur Islamistenszene interessant für den CNI? Hatte der Geheimdienst Es Satty möglicherweise als V-Mann angeworben? Ein brisanter Verdacht.

Konkurrenz zwischen Polizeibehörden

Denn die katalanische Polizei Mossos d'Esquadra – wegen des Katalonienkonflikts in einer Art Dauerzwist mit den zentralspanischen Polizeieinheiten – wusste im Gegensatz zu ihren spanischen Kollegen nichts von der brisanten Vergangenheit des Imams, der in ihre Region gezogen war.

Wurden hier zwischen den Behörden bewusst Informationen vorenthalten – aus Konkurrenzgebaren oder gar politischem Kalkül? In der Zeit der Attentate waren die Beziehungen zwischen Madrid und Barcelona an ihrem Tiefpunkt angelangt, weil die Regionalregierung ein Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien plante. Alles schien denkbar. Terrorismusexperte Villacampa mahnt zur Vorsicht: "Wir wissen nicht, um was es bei den Gesprächen des spanischen Geheimdiensts mit dem Imam tatsächlich ging", sagt er: "Doch die Koordination zwischen den Polizeibehörden innerhalb Spaniens und Europas muss verbessert, die Kooperation ausgebaut werden."

Zuletzt hatte der Konflikt um die katalanische Unabhängigkeitsbewegung und ihren Kopf Carles Puigdemont den Terrorismus aus den Schlagzeilen der spanischen Zeitung verdrängt. Die Anschlagsgefahr aber bleibe bestehen, sagt auch Villacampa. Katalonien gilt weiter als eine Region, in der sich viele spanische Dschihadisten angesiedelt haben. 80 salafistische Gebetsstätten gibt es im Nordosten Spaniens, mehr als in jeder anderen Region des Landes. Sie gelten Experten als Ausgangspunkt der Radikalisierung.

An der Fußgängermeile Rambla selbst hat die Stadt Barcelona vor einigen Monaten Poller und Betonklötze aufstellen lassen, damit nicht mehr so einfach ein Kleinlaster darüberfahren kann. Sonst erinnert in diesem Sommer wenig an den Anschlag. Menschenmassen flanieren über die Straße, Kreuzschifftouristen kaufen Kühlschrankmagneten mit Barcelona-Schriftzug und fotografieren sich vor den Blumenkiosken.

Nur einer ist seit einem  Jahr geschlossen. Auf die Glasfassade hat jemand ein Herz gemalt. Die Besitzerin hat nach dem Attentat ihr Geschäft aufgegeben. Auch Ana Cortés hat ihren Fuß seitdem nicht mehr auf die Rambla gesetzt. Der weiße Kleintransporter verfehlte die 42-jährige Supermarktverkäuferin beim Weg zum Feierabendkaffee nur um eine Handbreit. "Seitdem habe ich Panikattacken, wenn ich ein ähnliches Auto sehe", erzählt sie. Wenn im Fernsehen über die Terrorzelle aus Ripoll berichtet wird, wechselt sie den Kanal. Aus Selbstschutz. Die Ermittlungen werden hoffentlich bald abgeschlossen sein, sagt Cortés. Ihre Erinnerung und die Angst bleiben.