Mit dem Chequers-Deal verlor May auch die Unterstützung der Hardliner – aber bei ihnen hat der Brexit-Prozess keine Zweifel hervorgerufen, sondern ihre Entschlossenheit gestärkt. Sie stellen sich seither quer und verfallen in eine zunehmend rabiate Rhetorik: Angesprochen auf die Bedenken von Wirtschaftsführern über den harten EU-Austritt antwortete Boris Johnson knapp: "Scheiß auf die Wirtschaft." Der ehemalige Außenminister sei zu Farage übergelaufen, sagt Barnett.

Kein Rechtsruck in der Bevölkerung

Die Flucht der Brexiteers in Populismus und Xenophobie reflektiert jedoch keinen allgemeinen Rechtsruck der britischen Öffentlichkeit, sagt Rob Ford, Politologe an der Universität Manchester: "Es deutet nichts darauf hin, dass sich die Haltung zu Einwanderung und insbesondere zu Muslimen in den vergangenen zwei Jahren erheblich verändert hat." Freilich gibt es – wie in anderen europäischen Ländern – einen Teil der Bevölkerung, der den Islam ablehnt. Was die britischen Rechtspopulisten von ihren Gesinnungsgenossen in Kontinentaleuropa bislang unterschieden habe, sei der Fokus auf die EU als Feindbild, sagt Ford. "Aber seit dem Brexit-Votum steckt Ukip in einer tiefen Identitätskrise, weil dieses Feindbild weggefallen ist. So ist es kein Wunder, dass die Führung jetzt auf dieselbe Strategie eingeschwenkt ist wie ihre ideologischen Partner in Europa." Sie schüren die Angst der Bevölkerung vor Muslimen.

Mit diesem islamophoben Programm werden Ukip und rechte Tories zwar die Minderheit der fremdenfeindlichen Briten ansprechen können – Rob Ford spricht von zehn bis 15 Prozent. Aber darüber hinaus fehlt der Appetit für solch hart gesottenen Rassismus. Die Haltungen zu Einwanderung sind laut einer Umfrage seit dem Brexit-Votum sogar weicher geworden: Der Anteil der Briten, die Immigration für positiv halten, habe seit dem Referendum stark zugenommen, während negative Einstellungen deutlich zurückgegangen seien.

So zeigt sich in Großbritannien kein Rechtsrutsch, sondern eine Polarisierung: auf der einen Seite lautstarke Patrioten, die den Brexit zur Glaubensfrage erhoben haben, und auf der anderen jene, die an der offenen Gesellschaft festhalten und dem Brexit zunehmend kritisch gegenüberstehen. Dieser Gegensatz stellt für die Menschen, die eine zweite Abstimmung fordern, ein Problem dar: Eine erneute Kampagne mit derart verhärteten Fronten könnte den gesellschaftlichen Graben noch weiter vertiefen. Rob Ford sieht zudem das Problem, dass es im Parlament derzeit keine Mehrheit gibt, die ein zweites Referendum gutheißen würde: "Bevor dies geschieht, müssten die gesamten Verhandlungen mit Brüssel zusammenbrechen – was durchaus passieren könnte. Aber noch sind wir nicht an diesem Punkt."

Anthony Barnett hingegen ist überzeugt, dass eine zweite Abstimmung der richtige Weg wäre. Und er ist sich sicher, dass die Zeit dazu reicht: "Wenn wir der EU sagen, dass wir ein Referendum brauchen, weil wir uns nicht einig sind und weil wir eine demokratische Lösung finden müssen, dann werden sie uns die Austrittsfrist um zwei Monate verlängern." Auch hat er keine Zweifel, dass die Abstimmung in seinem Sinn ausgehen würde: "Wenn man ein Brexit-Anhänger, aber kein Rassist ist, dann steht man vor folgendem Szenario: Wir müssen weiterhin Geld zahlen, um Handel mit der EU zu treiben, aber wir haben keinerlei Mitsprache bei den entsprechenden Regulierungen. Die Leute werden sich fragen: Wozu soll dieser Brexit gut sein?"