In seiner üblichen aggressiven und lauten Art hat sich Nigel Farage wieder in die Brexit-Debatte eingemischt. Er habe genug von den "Lügen, den Täuschungen und dem Verrat" der Politiker, schrieb der ehemalige Chef der rechten United Kingdom Independence Party (Ukip) in einer Kolumne. Es sei an der Zeit, der Westminster-Clique eine Lektion zu erteilen. Und das heiße: zurück auf die Straße. Mit der Kampagne Leave Means Leave werde er durchs Land ziehen, um gegen den Brexit-Plan der Regierung zu protestieren und für den harten EU-Austritt zu kämpfen, sagte Farage: "I'm back."

Seit Theresa May Anfang Juli ihren Plan für die künftigen Beziehungen zur EU vorgelegt hat, ist Brexit-Britannien in Aufruhr. Ihr sogenannter Chequers-Deal, der eine Freihandelszone mit der EU vorschlägt und das Land in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht eng an die europäischen Partner binden will, wird von den Hardlinern als komplette Kapitulation angeprangert. Er komme einer Verhinderung des Austritts gleich. Mit zunehmendem Nachdruck drängen sie darauf, dass das Land im kommenden Frühling lieber ohne Abkommen aus der EU krachen soll, als sich mit diesem halbherzigen Plan zufriedenzugeben.

Der Aufstand gegen den weichen Brexit hat den Rechtspopulisten Zulauf gebracht. Ukip hat innerhalb von einem Monat über 3.000 Neumitglieder gewonnen und in Umfragen von zwei auf mehr als fünf Prozent zugelegt. Gleichzeitig biedern sich prominente EU-kritische Establishment-Figuren wie Boris Johnson beim rassistischen Rand der Gesellschaft an und üben sich in Islamophobie: Kürzlich meinte er, verschleierte Frauen sähen aus wie Briefkästen oder Bankräuber – eine Provokation, die zu einem starken Anstieg von Übergriffen gegen Muslime geführt hat. Dazu passt, dass der ehemalige Außenminister in regelmäßigem Kontakt mit Steve Bannon steht, dem Vordenker der amerikanischen Alt-Right und ehemaligem Berater von US-Präsident Donald Trump. Auch die extreme Rechte ist derzeit so präsent wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Faschistische Gruppen marschieren regelmäßig durch britische Straßen – oft Schulter an Schulter mit Vertretern von Ukip, die zunehmend islamophobe Töne anschlagen.

Brexit-Anhänger verlieren an Zustimmung

Das forsche Auftreten der Brexit-Anhänger entspringt jedoch nicht einem Gefühl der Stärke – im Gegenteil: Laut Umfragen stehen die Briten dem EU-Austritt zunehmend kritisch gegenüber. Eine neue Erhebung hat ergeben, dass rund 100 Wahlkreise, in der eine Mehrheit den Brexit wählte, mittlerweile für den Verbleib in der EU stimmen würden. Unterdessen sind sich die Entscheidungsträger in der Regierung bewusst geworden, dass der Austritt aus der Union schwieriger zu bewerkstelligen ist, als sie es sich ausgemalt hatten.

Der EU-freundliche Publizist und Brexit-Experte Anthony Barnett spricht von einem "totalen Zusammenbruch". Denn die Regierung hatte behauptet, es gebe einen ehrlichen Brexit, mit dem wir völlig unabhängig sein könnten. Diese Strategie sei nicht aufgegangen. "Es würde fünf bis zehn Jahre dauern, bevor wir die dazu nötigen politischen und wirtschaftlichen Strukturen errichten können – und während dieser Jahre würden die Nachteile überwiegen." Das wolle jedoch niemand. "Die Regierung hat bislang versucht, sich alle Optionen offen zu halten und sowohl die konservativen Brexit-Anhänger sowie die Gegner zufriedenzustellen", sagt Barnett. "Aber am Ende mussten sie entscheiden, ob das Land den europäischen Regulierungsraum verlassen soll – ungeachtet der wirtschaftlichen Kosten – oder nicht." Der Chequers-Deal ist die Antwort: Großbritannien soll so weit wie möglich in Europa bleiben.

Viele frühere Brexit-Wähler und -Wählerinnen haben schon länger Vorbehalte gegen den EU-Austritt. Mays Deal hat sie verstärkt – insbesondere bei jenen, die nicht aus Rassismus oder Nationalismus für den EU-Austritt gestimmt haben, sondern weil sie ein Signal gegen die Londoner Elite und das neoliberale Wirtschaftsmodell setzen wollten. Sie erhofften sich beispielsweise mehr Geld für öffentliche Dienste, insbesondere für den National Health Service, wie es die Brexit-Kampagne versprochen hatte. "Jetzt merken sie, dass es kaum mehr Geld geben wird", sagt Barnett. "Deshalb sinkt die Unterstützung für den EU-Austritt in den Labour-Hochburgen im Norden Englands. Sie sehen sich die Vorschläge der Regierung an und sagen: Das habe ich mir anders vorgestellt."