Die Gruppe wirkt ein wenig verloren in dem weiträumig abgesperrten Lafayette Park, direkt vor der Nordseite des Weißen Hauses. Es sind gut 20, vielleicht 30 Demonstranten, die sich hier versammelt haben – ein Grüppchen bestehend aus Ku-Klux-Klan-Mitgliedern, Milizionären und anderen rechtsextremen Organisatoren.

Nur unter immensem Polizeischutz haben sie es durch die Straßen von Washington, D. C., hierher geschafft, vorbei an Tausenden ausgestreckten Mittelfingern, begleitet von lauten Buhrufen. Auch jetzt, da sie am Endpunkt ihrer Parade angekommen sind, bleiben die Rufe der Gegendemonstranten gut hörbar. Kein Wunder, schließlich haben sie sich zu Hunderten auf der anderen Seite des Platzes aufgebaut.

Es war nicht gerade die triumphale Eroberung der Hauptstadt, die sich Organisator Jason Kessler vorgestellt hatte. Offiziell hatte er mit mehr als zehnmal so vielen Teilnehmern gerechnet – so stand es zumindest auf seinen Anträgen für die Versammlung. 

"Das sind immer noch zu viele"

Doch angesichts der offenen Ablehnung und enormen Sicherheitsvorkehrungen tauchte am Ende nur der härteste des harten Kerns auf – sehr zur Verwunderung einiger Gegendemonstranten. "Sind das wirklich alle?", fragt ein älterer Herr mit Vollbart, als er das Menschengrüppchen vor dem Weißen Haus sieht. Beruhigt ist er dennoch nicht. "Das sind immer noch zu viele", sagt er.

Es war nicht nur die geringe Teilnehmerzahl, die Aktivist Kessler die gewünschten Bilder einer starken und vereinigten rechten Szene vorenthielt. Bevor sein Grüppchen Demonstranten in einem Vorort von Washington die U-Bahn ins Stadtzentrum besteigen durfte, nahm die Polizei ihm und seinen Kameraden die Fahnenstangen ab. Anstatt also Flaggen schwenkend durch die feindselige Menge zu ziehen, musste der 34-Jährige seine US-Fahne während des Zugs zum Weißen Haus mit beiden Händen vor sich her tragen. Zeitweise hielt er sie verkehrt herum. Als sein Trupp schließlich am Weißen Haus ankommt, beginnt es zu regnen.

Charlottesville – Chiffre für die Unterschätzung der rechtsextremen Szene

Das Wetter ist aus Sicht der Demonstranten Pech, die Sicherheitsmaßnahmen hingegen sind gut begründet. Schließlich hatte es vor genau einem Jahr ebenfalls eine relativ kleine Zahl an rechtsradikalen Demonstranten geschafft, das Örtchen Charlottesville, eine gute Autostunde von Washington entfernt, zu dominieren. Der Name der Stadt gilt seitdem als Chiffre für die Unterschätzung der rechtsextremen Szene und die Rückkehr rassistischen Gedankenguts in die Öffentlichkeit.  

Grund dafür war eine eigentlich ebenfalls überschaubare Zahl rechtsextremer Demonstranten, die das Städtchen zwei Tage lang in Bann hielt. Unter dem Motto "Unite the Right" hatten sich Mitglieder von verschiedenen rechten Splittergruppen versammelt, angeblich um gegen den Abbau von Denkmälern zu protestieren, die Generäle der Südstaaten aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs zeigten.

Die Rechten skandierten rassistische und antisemitische Sprüche, schwenkten Konföderierten- und Hakenkreuzfahnen und zeigten den Hitlergruß. Ihnen stellten sich Tausende Gegendemonstranten in den Weg. Gewalt brach aus. Sie fand ihren Höhepunkt, als ein Rechtsextremer mit seinem Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten raste und so eine Frau tötete. Die völlig überraschte Verwaltung der Stadt Charlottesville verhängte schließlich den Ausnahmezustand.

Washington hingegen war vorbereitet. Bereits Stunden, bevor die Rechtsextremen im Stadtkern angekommen waren, hatte die Polizei den Bereich um das Weiße Haus herum weiträumig abgesperrt. Als Kesslers Truppe schließlich an der U-Bahn-Station Foggy Bottom, ganz in der Nähe der George Washington University, ankam, schützten Hunderte Polizisten sie vor den zahlreichen Gegendemonstranten. Erst am Weißen Haus konnten sich die Rechtsextremen etwas freier bewegen.