Sonderermittler Robert Mueller dringt tief in die Welt von Donald Trump ein. Seine Aufgabe lautet: die russischen Einflussversuche auf die Wahl des US-Präsidenten untersuchen, ob und wer mit Russland gemeinsame Sache machte, auch, ob Trumps Umgang mit den Ermittlungen eine Justizbehinderung darstellt. Worauf er dabei am Rande stößt, darf Mueller keinesfalls beiseitelegen, sondern muss auch alle weiteren Delikte verfolgen. Im Grunde muss ihn deshalb alles interessieren: was Trump tut, was er sagt, wen er trifft – wie er sein Geld gemacht und wofür er es ausgegeben hat.

Es ist verständlich, wenn Trump die Arbeit der Ermittler deshalb gelinde gesagt mit Sorge betrachtet. Selbst für den Fall, dass am Ende weder der Beweis für die große Verschwörung steht, noch die beinahe täglich zu beobachtenden, aber juristisch schwer zu greifenden Versuche der Justizbehinderung zu Konsequenzen führen, eines scheint sicher: Es werden Dinge herauskommen, die Trump nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

Und Mueller ist längst nicht mehr der Einzige, der tief in Trumps Welt eindringt. Seine Ermittlungen haben Metastasen gebildet, deren Wuchern der Präsident noch viel weniger unter Kontrolle halten kann, als er dies vom Russland-Komplex zu glauben scheint.

Wer bleibt loyal, wer nicht?

Im Zentrum stehen Männer, die in der Vergangenheit alles für Trump getan haben, was nötig war: der Anwalt Michael Cohen, der Probleme verschwinden ließ; der Wahlkampfmanager Paul Manafort, der neue Probleme mitbrachte; und Allen Weisselberg, der nie Probleme hatte, die Finanzen des Trump-Imperiums unter dem Deckel zu halten – sie alle werden in diesen Tagen viel über ihre Loyalität nachdenken. Und Trump muss fürchten, dass sie, die ihm so nahestanden, vor allem an sich selbst denken werden, wenn es für ihn darauf ankommt.

Wie weit das gehen kann, ist noch völlig offen. Cohen hat sich für Finanzdelikte schuldig bekannt und angegeben, auf Trumps Anweisung vor der Wahl zwei Frauen bezahlt zu haben, damit sie über ihre Affären zu ihm schweigen. Manafort ist verurteilt für frühere Steuer- und Bankdelikte im Zuge seiner Beratungstätigkeit für prorussische Politiker in der Ukraine, der nächste Prozess, unter anderem wegen Geldwäsche, Falschaussage und krimineller Verschwörung, folgt im September.

Von Weisselberg ist lediglich bekannt geworden, dass er sich gegen die Zusicherung von Immunität bereit erklärt hat, im Fall Cohen mit den Staatsanwälten zusammenzuarbeiten. Ob dieser Deal nur eine Aussage beinhaltet, die ihren Teil zur Aufklärung der Schweigegeldzahlungen beiträgt, oder ob Weisselberg mehr preisgeben wird, etwa auch gegenüber Mueller, ist noch nicht klar. Der Finanzchef von Trumps Firmengeflecht, der den Konzern während der Präsidentschaft auch als einer der Treuhänder führt, weiß jedenfalls besser als sonst jemand, wie Trump sein Geld macht und ausgibt.

Trumps eigentlicher Kampf ist ein politischer

Momentan genießt Trumps Verhältnis zum Kreml freilich eine gewaltige Aufmerksamkeit, die auch ihn dazu treibt, sich vor allem auf den Sonderermittler zu konzentrieren. Die Angriffe auf dessen Glaubwürdigkeit ("Hexenjagd!") sind dabei weniger Ausdruck einer wachsenden Panik, dass nun bald alles herauskommen könnte – was auch immer alles ist. Sie basieren vielmehr auf der einfachen Überlegung, dass eine Anklage im Amt nahezu ausgeschlossen erscheint und der eigentliche Kampf ein politischer ist: gegen ein mögliches Impeachment-Verfahren im Kongress auf der Basis von Muellers Erkenntnissen.

Aus Angst vor einer solchen, immer noch unwahrscheinlichen, Amtsenthebung hat sich Trump vielleicht sogar unnötig verrannt. Nicht wenige Beobachter glauben, sein Umgang mit den Ermittlungen werde als Justizbehinderung den Kern der Anschuldigungen bilden, wenn es einmal doch so weit kommt (frühestens nach den Wahlen im November, wenn die Republikaner möglicherweise die Mehrheiten in Senat und Abgeordnetenhaus an die Demokraten abgeben). Sollte es also tatsächlich "keine Verschwörung" geben, wie Trump immer wieder behauptet: Er hätte sich nach dieser Logik erst mit seinen Angriffen auf alle, die das herausfinden wollen, ultimativ in Bedrängnis gebracht.

Aber weder der Russland-Komplex noch Trumps Umgang damit könnten sich am Ende als die entscheidenden Felder erweisen. Im Zusammenhang mit den Schweigegeldzahlungen ist Trump durch Cohens Anschuldigung bereits jetzt direkt betroffen, selbst wenn mögliche Konsequenzen erst nach seinem Ausscheiden als Präsident zu erwarten sein dürften. Die Ermittlungen der New Yorker Staatsanwälte haben zudem das Potenzial, weit mehr als einen Verstoß gegen die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung aufzudecken. Cohen kann als langjähriger "Fixer" für Trumps Probleme eine Tür in dessen Leben öffnen, hinter der die weniger schönen Dinge bislang versteckt lagen. Tatsächlich ist sie bereits aufgestoßen, seit unzählige Dokumente des Anwalts beschlagnahmt wurden – Cohen muss vielleicht nicht einmal mehr auspacken.

Der ganz normale Weg der Justiz

Trump hat früh deutlich gemacht, wo er mit Blick auf Mueller eine rote Linie überschritten sieht: Wenn sich der Sonderermittler seine privaten und geschäftlichen Finanzen vornimmt, überreizt er für ihn sein Mandat. Trotz aller politischen Warnungen steht noch immer zu befürchten, dass es dem Präsidenten irgendwann zu viel wird und er Mueller oder den für die Russland-Ermittlungen verantwortlichen Vizejustizminister Rod Rosenstein loswerden will. Gegen ein mögliches Eingreifen Trumps oder andere politische Unwägbarkeiten sind die Ermittlungen der New Yorker Staatsanwälte im Fall Cohen derweil wesentlich immuner. Was auch immer sie finden, sie sind verpflichtet, jedem begründeten Verdacht nachzugehen: gegen Trumps Geschäftspartner, seine Familie, ihn selbst.

Das muss nicht das vorzeitige Ende seiner Präsidentschaft bedeuten, obwohl das Impeachment-Geschrei schon wieder anhebt: Die Wahlen im November sind alles andere als eine sichere Sache für die Demokraten, und selbst mit einer neuen Mehrheit im Kongress ist eine Amtsenthebung ungewiss. Aber wenn Donald Trump das Weiße Haus verlässt, könnte er umgehend in den einen oder anderen Gerichtssaal gerufen werden, seine Familie schon vorher. Mit welchen Vorwürfen er sich konfrontiert sehen würde, weiß er selbst am besten. Aber die Ermittler haben noch viel Zeit, eine immer bessere Ahnung davon zu bekommen. Es geht nicht um den schnellen Sturz des Präsidenten, und auch nicht um eine Hexenjagd, es ist der ganz normale Weg der Justiz – und die funktioniert in den USA noch.