Das ist keine gute rentrée für Emmanuel Macron. Die Rückkehr aus den Sommerferien, die in Frankreich zelebriert wird wie ein Jahreswechsel und in diesen Tagen mit den entsprechenden besten Wünschen für den Neustart verbunden ist, lief für Frankreichs Staatschef gründlich schief. Erst wurde die düstere Ahnung Gewissheit, dass die Wirtschaft in diesem Jahr viel weniger wächst als gedacht, dann trat auch noch der bei Franzosen beliebte Umweltminister Nicolas Hulot zurück. Aus Frust über die mangelnde Unterstützung des Präsidenten, wie er selbst sagte.

Hulot gab seinen Rücktritt live im Radio bekannt, ohne Macron vorzuwarnen. Dann warf er dem Präsidenten en passant noch vor, Lobbyisten mehr Gehör zu schenken, als es die Demokratie erlaube. Da war bereits die Nachricht im Umlauf, dass Frankreich seine selbst gesteckten Ziele für die Neuverschuldung weder in diesem noch im nächsten Jahr einhalten und damit wohl erneut Schlusslicht in der Eurozone sein wird.

"Er hat sein Weißbrot aufgegessen", lautet in Frankreich eine Redewendung, wenn jemand schon bessere Tage gesehen hat. Im Amt des Staatschefs steht Macron mit der Erfahrung eines leeren Tellers zwar nicht allein. Alle Präsidenten seit Charles de Gaulle haben im ersten Amtsjahr an Popularität eingebüßt. Dass Macron derzeit mit 34 Prozent Zustimmung nur besser dasteht als sein direkter Vorgänger François Hollande und gleichauf mit Nicolas Sarkozy, dürfte auch den schnellen Schlüssen der Medien geschuldet sein. De Gaulle, Pompidou und Co. konnten Jahrzehnte zuvor noch darauf vertrauen, dass die Bürgerinnen und Bürger politische Analysen über das Geschehen des Vortages wohltemperiert zum Frühstück serviert bekamen. Affären wie die um Macrons prügelnden Sicherheitsbeauftragten Alexandre Benalla oder die um Kulturministerin Françoise Nyssen, die mehrere Schwarzbauten beauftragt haben soll, wären da gar nicht ans Licht gekommen.

An kaum einen Präsidenten waren die Erwartungen größer

Schwerer als bei seinen Vorgängern wiegt allerdings, dass die Erwartungen an Macron so viel größer sind und dem Land nach Jahrzehnten des Abwartens und Hinausschiebens ein Kraftakt an Reformen bevorsteht. Die Reform der Arbeitslosenversicherung, des Renten- und Gesundheitssystems sind nur einige der Vorhaben, die in diesem Herbst in die Wege geleitet werden sollen. Da macht es sich schlecht, dass die den Franzosen bereits abverlangten Opfer bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Absenkung der Unternehmenssteuern und die unter viel Kritik durchgesetzte Streichung der Vermögenssteuer nun nicht sofort den versprochenen Aufschwung bringen. Das Schimpfwort vom "Präsidenten der Reichen" bleibt am Staatschef haften wie Pech. Auch in der Europapolitik, einem Kernthema Macrons im Wahlkampf, scheint der Präsident als Einzelkämpfer gegen eine Übermacht der Gegner kaum etwas ausrichten zu können.

"Die politische Gleichung, die aus Macron einen ebenso jungen wie effizienten Gestalter der Zukunft machte, eine Synthese aus den besten Ideen der politischen Linken und Rechten, wird vermutlich nicht aufgehen", sagt Michel Wieviorka, Studiendirektor an der französischen Elitehochschule für Sozialwissenschaften EHESS. "Viele Wähler wünschen Macron den Erfolg. Sie sehen aber, dass er zunehmend Schwierigkeiten hat, den neuen Politikstil umzusetzen, unter dessen Vorzeichen er angetreten ist", sagt Wieviorka. Die Franzosen erwarteten Reformen, "aber vor allem eine Stoßrichtung, die Anstrengungen und gute Absichten vereint". Sie fürchteten, in diesem Punkt enttäuscht zu werden. Die Affären um Benalla und Nyssen untergraben laut Wieviorka die moralische Integrität, für die der Präsident wie kein anderer zuvor stehen wollte.