In der Nähe der süditalienischen Stadt Foggia krachte vor ein paar Tagen ein voll besetzter Kleinbus mit einem Lastwagen zusammen. Zwölf Menschen starben, es waren allesamt Migranten aus Afrika. Ein tragischer Unfall, wie es scheint. Doch es ist viel mehr als das. Der Tod der zwölf steht am Ende eine langen Kette der Ausbeutung.

Die Männer gehörten zu den vielen Erntearbeitern, die sich auf den Feldern Süditaliens verdingen. 30 bis 35 Euro am Tag bekommen sie für diese zermürbende Arbeit in der sengenden Hitze. Sie leben in Hütten und Verschlägen auf den Feldern, weitab von jeder Stadt, ohne Kanalisation, ohne Wasseranschluss, ohne jegliche Infrastruktur. Italien will sie als Arbeiter haben, aber sie sollen möglichst unsichtbar bleiben. Zehntausende leben in solchen Slums. Sie ernten Tomaten, Melonen, Orangen. Sie ziehen immer dorthin, wo gerade die nächste Frucht abgeerntet werden soll. In den vergangenen Jahren sind Zehntausende dazugekommen, es sind die Männer, die es über das Mittelmeer nach Italien geschafft haben. Vielen von ihnen sind vor dem Ertrinken gerettet worden. Gelandet sind sie in diesem Elend, in der modernen Sklaverei.

Wer aufmuckt, riskiert Strafen

Die Arbeit auf den Feldern wird den Männern nämlich durch einen sogenannten Caporale verschafft. Er hält den Kontakt zu den Landbesitzern, er schiebt "seine" Arbeiter mal hierhin, mal dorthin, wo sie gerade gebraucht werden. Der Caporale ist der Herr und Meister der Erntehelfer. Ohne ihn sind sie nichts. Wer aufmuckt, der riskiert Strafen, sie reichen vom Entzug Arbeit bis hin zu körperlichen Gewalt. Die Arbeiter müssen ihm einen Teil ihres Einkommens abgeben. Das ist ein riesiges Geschäft. Der gewerkschaftsnahe Thinktank Osservatorio Placido Rizzotto schätzt den Umfang des Geschäfts in einer gerade eben erschienenen Studie auf 4,8 Milliarden Euro jährlich. Das ist ziemlich genau so viel, wie die italienische Regierung für die Aufnahme von Migranten ausgibt (fünf Milliarden). Nicht umsonst haben am Mittwoch Hunderte ausländische Landarbeiter, unter ihnen viele Afrikaner, gestreikt. Sie machten sich auf den Weg von den Tomatenfeldern in Foggia zur Provinzpräfektur und riefen "Wir sind keine Sklaven" und "Nein zur Ausbeutung".

Erntehelfer auf einer Demonstration in Foggia am Mittwoch. © Roberto D'Agostini/AFP/Getty Images

Nun wäre es falsch, zu glauben, dass nur Afrikaner betroffen sind. Das Caporalato ist ein altes Phänomen. Es prägt seit jeher die Landwirtschaft in Süditalien und es ein Teil der organisierten Kriminalität. Der allzu früh verstorbene Journalist Alessandro Leogrande hat in einem erschütternden Buch etwa das Schicksal polnischer Erntehelfer beschrieben, die nach dem Fall der Mauer in den Achtzigerjahren nach Süditalien zur Erntehilfe gekommen waren. Dutzende sind dabei zu Tode gekommen, viele sind nie wieder aufgetaucht, verschlungen in dem Reich des Caporale.

Die Migranten aus Afrika sind nur die letzten in einer langen Geschichte der Ausbeutung auf den süditalienischen Feldern.  

Es gibt zwar ein Gesetz, das das Caporalato verbietet. Doch die Behörden setzten es nicht durch, zum Teil aus Desinteresse, zum Teil aus Mangel an Mitteln. Keine Regierung hat dieses Phänomen bisher mit Entschiedenheit bekämpft, das gilt auch für die linksliberalen Politiker, die gerne in Sachen Migration ihren Humanismus zur Schau stellten. Die Regierung des Sozialdemokraten Matteo Renzi hatte etwa durch die Operation Mare Nostrum zwischen 2013 und 2015 Zehntausende Menschen vor dem Ertrinken gerettet, aber wo diese Menschen dann landeten, das hat sie weniger interessiert.

Natürlich war der Tod der zwölf Männer ein Unfall – doch wenn man genau hinschaut, öffnet sich ein Fenster in die Finsternis. Die zwölf saßen auf engstem Raum zusammengepfercht in dem Kleinbus, der nach Angaben der Behörden ein bulgarisches Kennzeichen hatte. Der Fahrer war schnell unterwegs, denn jede Fuhre Mensch brachte ihm Geld. Fünf Euro bezahlen die Erntehelfer, damit sie auf die Felder transportiert werden. Die zwölf zahlten fünf Euro für den Tod.