Kurz hinter Tanger ertönt die Schiffssirene zum ersten Mal. Von da an ist sie alle paar Minuten zu hören. Die Fähre Jaume III, die zwischen der Hafenstadt im Norden Marokkos und Algeciras in Spanien pendelt, ist in eine dicke Nebelwand gefahren. Die Sicht reicht nur ein paar Meter. "Bei so einem Wetter oder in der Dunkelheit gehen wir auf Nummer sicher", sagt Jesús Márquez, einer der Stewards. "Falls Pateras in der Nähe sind, können sie uns ausweichen. Bisher hat das gut funktioniert. Wir hatten keinen einzigen Unfall."

Pateras heißen die kleinen Kähne und Schlauchboote, in denen die Menschen aus Afrika in Richtung der spanischen Südküste aufbrechen. In den vergangenen Wochen kamen mehrere Tausend Flüchtlinge über die Straße von Gibraltar, auf der auch die Jaume III verkehrt. Sie ist mit nur rund 14 Kilometern die kürzeste Verbindung zwischen den Kontinenten Afrika und Europa. Die Fähre ist mit 32 Knoten unterwegs und braucht für die Überfahrt eine gute Stunde.

Für kleinere Boote ist die Straße von Gibraltar gefährlich. Nicht nur, weil sie eine der am meisten befahrenen Schiffsrouten ist, auf denen Fähren und Frachter dicht hintereinander folgen. Sie könnten die unbeleuchteten Flüchtlingskähne leicht zermalmen oder sie in ihrem Kielwasser versenken. Hier, wo sich Mittelmeer und Atlantik treffen, sind außerdem die Strömungen tückisch. Und in diesen Tagen kommt der Nebel hinzu.

Die Fähre alarmiert die Küstenwache

Vorige Woche, sagt Márquez, hätten er und seine Kollegen von anderen Fähren auf dem Küstenabschnitt zwischen Almería und Cádiz allein 17 Pateras gekreuzt. Manchmal mit rund zehn, manchmal mit viel mehr Menschen an Bord. "Wir nehmen die Flüchtlinge nicht selbst auf, sondern alarmieren Küstenwache und Seenotrettung und geben die Standorte durch."      

Manche der Boote erreichten die Küste auch aus eigener Kraft. Wie jenes Holzboot mit 60 jungen Männern an Bord, das vor wenigen Tagen westlich vom Surf- und Badeort Tarifa am Strand landete – direkt vor den verblüfften Touristen, die dort im Sand lagen. Die Migranten verschwanden eilig im angrenzenden Wald. Weil sie dabei gefilmt wurden, gingen die Bilder um die Welt.

Nach offiziellen Angaben erreichten bis Ende Juli rund 24.000 Flüchtlinge Spanien, so viele wie im ganzen Jahr 2017. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stammen die meisten aus afrikanischen Krisenländern südlich der Sahara sowie aus Marokko, Mali und Mauretanien. Im Bundesinnenministerium in Berlin befürchtet man, dass sich viele Migranten von Spanien aus auf den Weg nach Frankreich, in die Beneluxländer und nach Deutschland machen könnten.

An diesem ersten Wochenende im August bleibt es vorerst beim Alarm der Schiffssirene. Der heiße Ostwind Levante, der das Meer aufwühlt, und die Nebelwände über der Straße von Gibraltar verschaffen auch Adolfo Serrano eine Atempause. Er ist der Leiter der Seenotrettung in Spaniens südlichster Stadt Tarifa. Aber es ist vermutlich nur eine kurze Pause, das weiß er aus seiner mehr als 20-jährigen Erfahrung auf dem Meer. In den nächsten Tagen soll sich die Wetterlage wieder beruhigen. Dann wird die Überfahrt für Migranten wieder leichter.