Hinzu kommt das Image als Terrorprovinz. Idlib gilt als Hochburg der Extremisten, seit Hayat Tahrir al-Scham (HTS), ein Bündnis unter Führung ehemaliger Al-Kaida-Kämpfer 2017 militärisch die Oberhand gewann. Dass zivile Strukturen in Orten wie Kafranbel, Maarat al Numan und Atareb eine Übernahme durch die Dschihadisten erfolgreich abwenden konnten und sich in der Provinz eine bemerkenswerte medizinische Infrastruktur entwickelte, die HTS nicht anzurühren wagte, findet kaum Beachtung. Dabei hat sich die Kombination aus funktionierender lokaler Verwaltung und aktiver Zivilgesellschaft als effektivste Waffe im Kampf gegen die Extremisten erwiesen. Doch nachhaltig denkt in Syrien keiner.

Deutschland stoppt Hilfe

Aus Angst, deutsche Entwicklungsgelder könnten bei Al-Kaida-Anhängern landen, stoppte die Bundesregierung 2017 fast die gesamte Projekthilfe für Idlib. Warum Deutschland langjährige syrische Partner gegenüber Dschihadisten im Stich lässt, wenn man sie schon nicht vor den Bomben Assads schützen will, kann in Berlin keiner überzeugend erklären. Bei den deutschen Mitarbeitern in der Region herrschen Ohnmacht und Verzweiflung. Sie dürfen Vertreter der Zivilgesellschaft nur bis zum Schluss begleiten, nicht aber nach Deutschland holen. Dabei sind diese wegen ihres Engagements und der Zusammenarbeit mit dem Westen in großer Gefahr. Raed Fares etwa von der Union der Revolutionären Büros in Kafranbel, der dort den prominenten Radiosender Radio Fresh FM leitet. Ghalia al-Rahal, Gründerin des ersten Frauenzentrums der Stadt und Herausgeberin der Zeitschrift Mazaya ("Vorteil"), deren Slogan "Ich bin keine Last, ich bin eine Kraft" lautet. Oder die Studentin Iman al-Tayr, die im März aus Ostghuta fliehen musste, wo sie als Bildungsaktivistin mal mit Frauen über Zwangsverheiratung und sexuelle Gewalt diskutierte, mal Schülern Werte wie Demokratie und Freiheit erklärte.

All diese Aktivisten fürchten sowohl das Regime als auch die Dschihadisten. Verschiedene Rebellengruppen bemühen sich inzwischen um eine Isolierung von HTS, um dem Terrorimage entgegenzuwirken. Die beiden größten islamistischen Verbände – Ahrar al-Scham und Nour al-Din al-Zenki – haben mit vier anderen Rebellengruppen Anfang August ein eigenes Bündnis gegründet: die Nationale Befreiungsfront. Doch diese Distanzierung von HTS wird Assads Vormarsch nicht aufhalten. Schließlich geht es dem syrischen Präsidenten nicht um den Kampf gegen dschihadistischen Terror – dieser ist ihm viel zu nützlich – sondern um die Auslöschung alles Illoyalen.