Es mutete fast nostalgisch an, als die Tausenden Protestierenden auf dem Trafalgar Square am 13. Juli "Oh, Jeremy Corbyn" zu singen begannen. Der Auftritt des Labour-Vorsitzenden war der Höhepunkt der Anti-Trump-Demonstration in London – und die erste Großkundgebung seit vielen Monaten, an der Corbyn teilnahm. Vor etwas über einem Jahr, während des letzten Wahlkampfs, gehörte das Bad in der Menge zu seiner Routine, und in den Gesängen seiner Anhänger kam der ganze Enthusiasmus zum Ausdruck, der die damalige Kampagne zu einem solchen Ereignis gemacht hatte.

Die Stimmung jener Wochen scheint heute weit weg. Labour kämpft mit inneren Spaltungen, und eine langwierige Debatte um Antisemitismus lähmt die Partei. Zwar stecken die konservativen Tories in einer ihrer tiefsten Krisen seit Jahrzehnten, aber die Opposition scheint daraus nur bedingt Kapital schlagen zu können. Insbesondere der Brexit führt zu Kontroversen: EU-freundliche Vertreter aus der Mitte der Partei werfen Corbyn vor, das wichtigste Thema schlichtweg zu ignorieren und damit die Tories vom Haken zu lassen; an der bislang größten pro-EU-Demonstration im Juni skandierten die Protestierenden immer wieder: "Wo ist Jeremy Corbyn?"

Doch ein Blick hinter die ernüchternden Schlagzeilen zeigt, dass die Parteiführung gar nicht so untätig ist, wie ihr vorgeworfen wird – oder dass sie nichts zum Brexit zu sagen hätte. Sicher, Corbyn hat erst mal akzeptiert, dass die Mehrheit der Wähler vor zwei Jahren für den Austritt aus der EU gestimmt haben, und zeigt sich gegenüber einem zweiten Referendum skeptisch. Stattdessen interessieren ihn die Ursachen, die zum Wunsch nach einem Bruch mit dem Status quo geführt haben, und er hat sein Augenmerk auf eine umfassendere Reform des Landes gerichtet.

Obdachlosigkeit ist stark gestiegen

Die Missstände in Großbritanniens Wirtschaft und Gesellschaft sind gravierend. Hinsichtlich der verfügbaren Einkommen ist kein Land in Europa so ungleich wie Großbritannien, mit Ausnahme von Estland. Der übergroße Finanzplatz entzieht anderen Sektoren Kapital und Talente, und er sorgt dafür, dass zwischen London und dem Rest des Landes ein tiefes Wohlstandsgefälle besteht. Zu viele Leute sind im Niedriglohnsektor angestellt: rund ein Fünftel der 33 Millionen Beschäftigten verdient höchstens 15.000 Pfund im Jahr.

Außerdem ist der staatliche Gesundheitsdienst seit Jahren unterfinanziert, es wird zu wenig in die Infrastruktur investiert, die Produktivität ist zu niedrig, die Verschuldung der Privathaushalte steigt und es herrscht seit Jahrzehnten eine Wohnungskrise, die unter anderem dazu führt, dass arme Briten die Hälfte ihres Einkommens für Mieten ausgeben. Die Obdachlosigkeit ist seit 2010 um 169 Prozent angestiegen.

All dies hat zum Brexit-Votum beigetragen. Selbstverständlich waren soziale Gründe nicht allein ausschlaggebend – Rassismus und Xenophobie diente vielen als Antrieb. Aber die Verdrossenheit der Briten über die Zustände in ihrem Land spielt eine wichtige Rolle; vor wenigen Tagen publizierte ein Akademiker eine Studie, laut der ein direkter Zusammenhang zwischen der Sparpolitik seit 2010 und dem Austrittsvotum besteht.

Um dem Frust der Brexit-Wähler entgegenzuarbeiten, trat Corbyns Labour-Partei in den letzten Wahlen mit einem für britische Verhältnisse radikalen Programm an, das die Mängel der Wirtschaft beheben soll. Die Vorschläge sind seither noch ausgebaut worden, und das Führungsteam – insbesondere die Ökonomen rund um den Schattenfinanzminister John McDonnell – hat eine Reihe von Grundsatzpapieren publiziert, die dem Programm mehr Gestalt geben.