Seinen letzten großen Auftritt hatte John McCain im Juli 2017. Die Republikaner hatten sich in den Sommerwochen in das Ziel verbissen, die so verhasste Gesundheitsreform Obamacare noch im ersten Amtsjahr von Donald Trump ungeschehen zu machen. Dabei hatten sie nicht nur die Bedenken von Wählern und Experten ignoriert, sondern auch die Demokraten außen vor gelassen. In einer nächtlichen Sitzung versuchten die Konservativen, das eilig zusammengebastelte Gesetz durch die Kammern zu peitschen – Millionen von Amerikanern hätten ihre Krankenversicherung verloren.

Doch John McCain war dieser politische Stunt zuwider. Nach einer Operation war er eigens für die Abstimmung vorzeitig zurück nach Washington gereist. In einer Rede, für die er selbst von liberalen Kommentatoren gefeiert wurde, rief er die Parteien auf, wieder zusammenzuarbeiten und das Wohl der Amerikaner und nicht die eigenen Interessen im Blick zu haben. Als es Zeit für die Stimmabgabe war – seine Parteikollegen hatten bereits für das Gesetz gestimmt – trat McCain in die Mitte des Raumes. Dann streckte er den Daumen in die Höhe und drehte ihn nach unten. So ließ der damals 80-Jährige den Vorstoß seiner eigenen Partei filmreif scheitern.

Für McCain stand es nie zur Debatte, ohne Überzeugung abzustimmen, nur, um die eigene Partei zufriedenzustellen. Der Senator aus Arizona, dem Politikbeobachter und Kollegen wegen seines Hangs zum Eigenbrötlertum den Spitznamen "Maverick" (Einzelgänger) gaben, spielte das Spiel in Washington immer fair. Er sei zuerst Amerikaner, erst dann Parteimitglied, sagte McCain gerne. Der Senator gehöre zu den jenen Larger-than-life-Figuren, von denen es im Senat immer weniger gebe, schrieb die New York Times einmal. In der Nacht auf Sonntag ist McCain im Alter von 81 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

"Mehr Narben als Frankenstein"

McCain stammt aus einer Familie mit langer militärischer Tradition. Er wurde auf einem Marinestützpunkt in Panama geboren und besuchte später die United States Naval Academy an der US-Ostküste, wo er sich zum Kampfpiloten ausbilden ließ. Mit 30 Jahren wurde er in Vietnam stationiert, der Kriegseinsatz sollte sein Leben für immer verändern: Im Oktober 1967 wurde McCains Flugzeug von nordvietnamesischen Kämpfern abgeschossen. Er konnte sich dank des Schleudersitzes retten, doch er brach sich beide Arme und ein Bein. Bis 1973 blieb er in Kriegsgefangenschaft, immer wieder wurde er in dieser Zeit gefoltert. Die Jahre in Vietnam zeichneten ihn. Seine Haare waren schneeweiß geworden, als er in die Heimat zurückkehrte. Seine Arme konnte er nicht mehr über den Kopf heben. "Ich bin älter als Dreck und habe mehr Narben als Frankenstein", sagte er über sich selbst.

1981 beendete er seine Militärkarriere im Rang eines Captains und mit zahlreichen Auszeichnungen – und wechselte in die Politik. Nur ein Jahr später zog er zum ersten Mal als Abgeordneter ins Repräsentantenhaus ein, 1987 wechselte McCain in den Senat. Die Bürger von Arizona sollten ihn fünfmal im Amt bestätigen, zuletzt 2016. Das Magazin Time kürte ihn 1996 zu einem der 25 einflussreichsten Amerikaner, 2006 zu einem der zehn besten Senatoren. Es gab Jahre, in denen hatte kein Politiker im Land höhere Umfragewerte als McCain. Mit seiner Ungeduld und einem Humor, der ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachte, sei er einer der wenigen gewesen, die in der Lage seien, bei großen Themen die Aufmerksamkeit der Mitglieder beider Parteien zu gewinnen, sagen Beobachter.

Zutiefst stand McCain für konservative Werte ein. Er glaubte an die umstrittene Steuerpolitik von US-Präsident Ronald Reagan, die vor allem Steuererleichterungen für Wohlverdienende vorsah, und an dessen harte Linie gegen die Sowjetunion. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001 stellte sich McCain an die Seite des damaligen Präsidenten George W. Bush und unterstützte den Militäreinsatz in Afghanistan, später sprach er sich für den Einsatz im Irak aus und setzte sich für einen Truppenausbau ein. Kritiker sagen, McCain sei für das Debakel im Irak genauso verantwortlich wie Bush selbst. 

Offen für Kompromisse

Während der ersten Jahre der Obama-Präsidentschaft erlebte Washington McCains konservativste Jahre. Er kämpfte gegen strengere Klimaschutzregeln, gegen Obamas Gesundheitsreform und gegen die Abschaffung von Don’t Ask Don’t Tell, einer Regelung, die es Schwulen und Lesben verbot, offen im Militär zu dienen. Das Atomabkommen mit dem Iran bezeichnete McCain als "wahnwitzig". Nach dem Amoklauf in einem Nachtclub in Florida 2016 sagte McCain, Obama sei mit seinem Rückzug aus dem Irak "direkt" für das Unglück verantwortlich.

Trotz solcher absoluten Positionen war McCain immer offen für Kurskorrekturen und Kompromisse. In den Neunzigern kämpfte er gemeinsam mit demokratischen Amtskollegen gegen den wachsenden Einfluss von Lobbygruppen und reichen Einzelpersonen in Washington, später kämpfte er engagiert gegen die Zigarettenindustrie. Unter US-Präsident George W. Bush wich er bei Themen wie Klimaschutz und Waffenkontrolle regelmäßig von der Parteilinie ab. 2001 war er einer von nur zwei Republikanern, die gegen die Steuerkürzungen stimmten.

McCain setzte sich, anders als die meisten Parteikollegen, für eine Einwanderungsreform ein, die illegalen Einwanderern einen Weg in die Legalität ermöglichen sollte. Zwischenzeitlich war er ein so konsequenter Querdenker, dass sich die Gerüchte mehrten, er denke womöglich über einen Austritt aus der Partei nach. Später wurde McCain gar als Kandidat für die Rolle des Vizepräsidenten neben dem demokratischen Kandidaten John Kerry gehandelt. 2014 verwarnte ihn die republikanische Partei in Arizona, weil er zu liberal sei.