Um mehr Bootsflüchtlinge nach Nordafrika zurückzubringen, will Europa enger mit dem Bürgerkriegsland Libyen zusammenarbeiten. Die EU baut zum Beispiel mit viel Geld die libysche Küstenwache auf, damit sie Migranten auf dem Mittelmeer aufhält und in ein Land zurückbringt, in dem die Menschen misshandelt werden.

Anfang Juli besuchten Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Libyen. Mit dabei war Hanan Salah, die von Genf aus für HRW Menschenrechtsverletzungen in Libyen dokumentiert. Auf der Reise sprach sie mit Angehörigen der Küstenwache, mit inhaftierten Flüchtlingen und Migrantinnen in vier staatlichen Internierungslagern in Tripoli, Zuwara und Misrata und mit Mitarbeiterinnen internationaler Organisationen.

ZEIT ONLINE: Frau Salah, was haben Sie in Libyen erlebt?

Hanan Salah: Wir haben sehr viel Verzweiflung gesehen. Die meisten Menschen, die wir in den Gefängnissen trafen, haben versucht, mit dem Boot nach Europa zu kommen, einige von ihnen mehrfach. Sie haben zuvor oft viele Monate in den Lagern der Schlepper verbracht, wurden dann auf dem Mittelmeer von der libyschen Küstenwache gestoppt und an Land zurückgebracht – wo sie jetzt unter schrecklichen Bedingungen in Internierungslagern festsitzen.

ZEIT ONLINE: Was für Gefängnisse sind das?

Salah: Das sind offizielle Gefangenenlager, die unter Kontrolle des Innenministeriums der Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis stehen. Das ist die von den Vereinten Nationen eingesetzte und von der EU unterstützte Regierung unter Fajis al-Sarradsch im Westen, die mit der Regierung im Osten rivalisiert, die mit General Chalifa Haftar verbündet ist. Die Gefängnisse werden seit Jahren genutzt. Einige wurden vergrößert, um die vielen Menschen unterzubringen. Sie sind dreckig und unhygienisch. Es gibt dort keine Menschlichkeit.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es in den Gefangenenlagern aus?

Salah: Ich war in den vergangenen Jahren viele Male in Libyen und habe viele Gefängnisse gesehen. Trotzdem war ich dieses Mal schockiert. Es gibt ein Bild, das ich nicht vergessen kann: Als wir in einem Gefängnis die Gittertür zum Gang öffneten, sind wir fast über die vielen Menschen gestolpert, die aneinandergepresst auf dem Boden hockten. Sie sind aus ihren Zellen gekommen, um im Gang etwas Luft zu bekommen, aber auch dort saßen sie dicht an dicht gedrängt. Es müssen Hunderte gewesen sein. Viele schnappten nach Luft, weil es so stickig war.

Viele Toiletten und Duschen sind defekt. Es ist sehr heiß und es gibt keine Ventilatoren. Die Gefangenen bekommen oft nur wenige Mahlzeiten und die sind nicht ausgewogen: ein bis zwei Brotrationen und eine Handvoll Reis oder Nudeln pro Tag. Die Menschen haben keine Bewegungsfreiheit. Sie sind fast den ganzen Tag in der Zelle. Selbst die vielen Kinder dürfen nicht rausgehen. Noch beunruhigender war, dass das Wachpersonal die Migranten und Flüchtlinge schwer misshandelt.

ZEIT ONLINE: Was haben die Menschen Ihnen erzählt?

Salah: Sie sagten, die Wärter schlügen sie, beschimpften sie und behandelten sie sehr grob. Wenn sich zwei Gefangene stritten, holten die Wärter Stöcke und prügelten auf alle ein, die in der Zelle der Streitenden säßen – als Kollektivstrafe.