Matteo Salvini ist für viele Menschen eine Hassfigur. Er ist das Symbol für Kaltherzigkeit. Dabei ist die Öffentlichkeit mit ihm längst eine Symbiose eingegangen. Sie dürstet geradezu nach dem nächsten Tabubruch des italienischen Innenministers, nach seiner nächsten Hässlichkeit, seiner nächsten Untat – um sich wieder kräftig empören zu können.

Wie fürchterlich Salvini ist! Unfassbar!

In diesen Tagen gab es wieder ein Beispiel für diese seltsame Abhängigkeit der Öffentlichkeit von Salvini. Bei den Trauerfeierlichkeiten zu den Opfern des Brückeneinsturzes in Genua wurde Salvini abgelichtet, während er ein Selfie mit einem Trauergast machte. Es erhob sich sofort eine Welle der Empörung.

Der Mann lässt sich zu Propagandazwecken selbst bei solch einem traurigen Anlass ablichten! Er hat vor nichts Respekt!

Es ging völlig unter, dass sich Salvini auf Bitten einer Angehörigen der Toten fotografieren ließ, und zwar nach Ende der Trauerfeierlichkeit. Aber wen interessiert das noch, wenn dieses Bild doch so prächtig in die Geschichte vom hässlichen Salvini passte?

Ja, Salvini ist ein harter, ein gnadenloser Politiker. Es gibt wohl nichts, wovor er zurückschreckt. Man muss Salvini deshalb fürchten.

Doch seine Härte deckt auch etwas auf, nämlich die Unfähigkeit Europas, eine einigermaßen vernünftige, koordinierte, eine europäische Migrationspolitik zu entwickeln.

Salvini hat die Häfen für Migranten und Flüchtlinge, die aus Libyen kommen, schließen lassen. Seitdem ist bei jedem Schiff, das auf Europas Küsten zusteuert, dasselbe Schauspiel zu sehen. Salvini sagt: "Nein, nicht zu uns!" Das Schiff dümpelt dann tagelang auf dem Meer, bis sich endlich ein oder mehrere europäische Staaten bereit erklären, die Passagiere aufzunehmen.