Dass Spanien in diesem Sommer dennoch erneut Ziel vieler Flüchtlinge wurde und Italien als Hauptankunftsland der vergangenen Jahre ablöste, beweist nach Überzeugung von Experten zwei Dinge: Menschen, die nach Europa wollen, finden immer einen Weg – lediglich der Preis steigt. Zweitens soll Marokko seine Grenzkontrollen gelockert haben. Anders können sich Politiker und Hilfsorganisationen die Zahl der ankommenden Boote selbst auf der zuletzt fast komplett blockierten Straße von Gibraltar nicht erklären. Der Seeweg zwischen Tanger und Tarifa ist mit seinen gerade einmal 14 Kilometern der kürzeste zwischen Afrika und Europa. Flüchtlinge erzählten nach ihrer Ankunft in Europa, bei der Abfahrt seien sehr wohl marokkanische Polizisten anwesend gewesen, hätten gegen ein entsprechendes Schmiergeld aber weggeschaut.

Was tatsächlich die Gründe sind, ist nicht bekannt. Bislang gab das Königreich Marokko eigenen Angaben zufolge jährlich rund 200 Millionen Euro für den Grenzschutz aus. Die Erfahrung zeigte aber auch, dass die Zahl der aus Marokko nach Europa kommenden Migranten immer dann stieg, wenn die Regierung in Rabat Druck machen wollte – zum Beispiel in Verhandlungen mit der EU über Fischereiabkommen. Oder wenn es um die Anerkennung der völkerrechtlich umstrittenen Besetzung der Westsahara durch Marokko ging.

Marokko will bessere Beziehungen zu Subsahara-Staaten

Die Rücknahme von Bürgerinnen und Bürgern anderer afrikanischer Staaten vertrüge sich nicht "mit Marokkos Bestreben, engere Beziehungen zu den Ländern südlich der Sahara und in Westafrika aufzubauen", urteilte die Heinrich-Böll-Stiftung in einer Studie aus dem vergangenen Jahr. Nicht nur als Handelspartner seien diese Länder wichtig für Marokko, sondern vor allem, weil sie Marokkos Position beim Streit um die Westsahara unterstützten. "Diese Länder waren alles andere als begeistert, sollte das Königreich es zulassen, dass ihre Bürger von Europa nach Marokko abgeschoben werden."

Aus eben diesem Grund seien auch die Verhandlungen über die 2013 mit Marokko unterzeichnete Europäische Mobilitätspartnerschaft festgefahren. Das Abkommen macht Verhandlungen über Visaerleichterungen für marokkanische Staatsbürger abhängig vom formalen Abschluss eines Rückführungsabkommens.

In den vergangenen Tagen hat Marokko nach eigenen Angaben mehrere Hundert Migranten von den Küsten bei Tanger und Nador fort in den Süden und ins Landesinnere transportiert. Ein Behördenvertreter sprach von einem "Einsatz im Rahmen des Kampfes gegen illegale Migration".

Eine Wende dürfte das nicht sein. In der Regel machen sich die Flüchtlinge erneut auf den Weg, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Menschenrechtler vor Ort sprechen von illegalen Deportationen. In der Vergangenheit wurden solche Transporte für die Migrantinnen immer dann lebensgefährlich, wenn sie in die Wüste an der Grenze zu Algerien führten und in die Westsahara. Auch das muss man wissen, wenn man mit Marokko verhandeln will.