Der Mann kann derzeit vor Kraft kaum laufen. Mohammed bin Salman, Anwärter auf den saudischen Thron, hat, so scheint es, nichts und niemanden mehr zu fürchten. In der internationalen Öffentlichkeit bekommt MBS, wie der Thronfolger auch genannt wird, so viel Zuspruch wie kaum ein Mitglied des Königshauses vor ihm. Die britische Zeitschrift Economist widmete seinen ökonomischen und sozialen Reformplänen unlängst ein wohlwollendes Dossier. Auf seinen Reisen in die USA schaut er nicht nur im Weißen Haus, sondern auch bei Mark Zuckerberg und anderen Bossen im Silicon Valley vorbei.

Was dabei gelegentlich untergeht: Wenn es ausländische Nörglerinnen und Nörgler trotzdem wagen, seine massive Repression im eigenen Land zu kritisieren, haut Mohammed bin Salman gerne richtig drauf. So wie er seine Interessen überhaupt mit einer Härte vertritt, die nicht gut zum Bild des beliebten Reformers passt.

Jüngstes Beispiel: Kanada. Man sei "sehr besorgt über die neuerlichen Festnahmen von Aktivisten der Zivilgesellschaft und für Frauenrechte in Saudi-Arabien", hatte Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland vergangene Woche getwittert.

"Eine eklatante Einmischung in die inneren Angelegenheiten", konterte Riad, verwies umgehend den kanadischen Botschafter des Landes und befahl sämtlichen saudischen Studenten an kanadischen Universitäten wie auch Patienten in kanadischen Krankenhäusern, das Land zu verlassen. Die nationale Fluggesellschaft Saudia will ab kommendem Montag Flüge nach Toronto streichen. Letzteres dürfte die Kanadier kaum stören, doch der Abzug saudischer Studenten wird die Universitäten des Landes einiges kosten. Handelsbeziehungen sollen eingefroren werden – auch wenn das Ausmaß bislang nicht klar ist.

Diplomatisches "shock and awe" nennt man so etwas. Es ist die Trumpsche Methode der Außenpolitik. Aber Mohammed bin Salman ist kein Nachahmer, sondern ein Vorreiter – und bei der Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder geht er dabei sehr viel weiter als die kanadische Außenministerin.

"Außenpolitisches Abenteurertum"

Im vergangenen Herbst zwang MBS den libanesischen Premierminister Saad Hariri bei einem Besuch in Saudi-Arabien, seinen Rücktritt zu erklären. Hariri war in den Augen des Kronprinzen offenbar zu "weich" gegenüber dem Iran aufgetreten. Als der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel dies – in der Sache richtig, im Ton nicht sehr geschickt – als "außenpolitisches Abenteurertum" bezeichnete, zog Riad seinen Botschafter aus Berlin ab, wo er seither nicht mehr gesehen wurde.

Wenige Monate zuvor hatte Saudi-Arabien bereits eine diplomatische und ökonomische Totalblockade des kleinen Nachbarn Katar initiiert, dessen regionale Ambitionen dem Königshaus seit Längerem ein Dorn im Auge sind. Mitinitiator dieses Konflikts war der politische Mentor Mohammed bin Salmans. Der sitzt nicht in Riad, sondern in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE): Mohamed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi, ein Mann mit großen regionalen Ambitionen.

Und bereits 2016 – im Weißen Haus regierte noch Barack Obama – hatte MBS dem damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon unter Druck setzen lassen: Saudi-Arabien war im jährlichen UN-Bericht über Kinder in bewaffneten Konflikten auf der sogenannten Liste der Schande aufgeführt worden. Auf der landen Regierungen, die in besonders schwerer Weise die Rechte von Kindern verletzen. Kampfflugzeuge der saudisch geführten Koalition hatten im Jemen-Krieg  wiederholt Schulen und Krankenhäuser angegriffen und dabei Hunderte von Kindern getötet. Riad und seine Verbündeten, darunter die VAE, drohten offenbar, Gelder für die UN zu streichen, sollte Saudi-Arabien nicht von der Liste der Schande gestrichen werden. Ban, in seinem ganz persönlichen Moment der Schande, gab nach.

Sein Nachfolger António Guterres zeigt bislang mehr Rückgrat, und Saudi-Arabien dürfte sich seinen Platz auf der Liste der Schande des Jahres 2018 schon jetzt gesichert haben. Diese Woche starben nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) mehr als 50 Menschen, die meisten Kinder und Teenager, als bei einem Luftangriff der saudisch geführten Koalition im Norden des Jemen ein Schulbus bombardiert wurde.

Mehrere Dutzend Zivilisten waren in der Woche zuvor bei einem Luftangriff auf ein Krankenhaus und einen Markt in der jemenitischen Hafenstadt Hodeidah ums Leben gekommen.

Katastrophe des Jemen-Krieges

Für die Katastrophe des Jemen-Krieges mit inzwischen über 10.000 Toten, Choleraepidemien und einem Drittel der Bevölkerung am Rande des Hungers trägt der saudische Kronprinz nicht allein die Verantwortung. Sämtliche Kriegsparteien begehen Verbrechen, nehmen zivile Wohngegenden unter Beschuss, verhindern humanitäre Hilfe, setzen die Bevölkerung vorsätzlich Hunger und Seuchen aus.

Aber die saudisch geführte Intervention mit ihrem verheerenden Luftkrieg ist Mohammed bin Salmans Idee gewesen – wenn auch wieder mit emiratischer Unterstützung. Was im Jemen als innenpolitischer Konflikt zwischen der Volksgruppe der Huthi, der international anerkannten Regierung um Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und seinen Vorgänger Abdullah Salih begonnen hatte, hat sich mit dem saudisch-emiratischen Eingreifen zu einer der weltweit größten humanitären Krisen und einem bedrohlichen Regionalkrieg ausgeweitet.

Außerdem drohen die Kämpfe um die Hafenstadt Hodeidah wieder aufzuflammen, durch die 75 Prozent aller Hilfslieferungen in den Jemen geleitet werden. Noch kontrollieren Huthi-Rebellen die Stadt, eine saudisch geführte Offensive stockt bis auf Weiteres. Ein Krieg um den Hafen wäre das bislang schlimmste Szenario – nicht nur für die 600.000 Einwohner der Stadt, sondern für das ganze Land.