Bei den Protesten in Nicaragua sind laut der Wahrheitskommission des Parlaments seit Mitte April 265 Menschen gestorben. Damit liegt das Ergebnis der Kommission über der von der Regierung veröffentlichten Zahl von 195 Toten. Menschenrechtsorganisationen sprechen aber teils von deutlich höheren Zahlen.

Die Mehrheit der Todesopfer sind der Wahrheitskommission zufolge Männer (241). 13 Tote seien minderjährig. Die meisten Getöteten stammten aus der Provinz Managua (114), wo etwa ein Drittel der 6 Millionen Einwohner lebt. Das Parlament hatte die Kommission zur Untersuchung der Todesfälle im Mai eingesetzt. Die fünf Mitglieder des Gremiums stehen jedoch alle der Regierung nahe. Gegner von Präsident Daniel Ortega kritisierten die Besetzung. Er kündigte daraufhin die Bildung einer zweiten, unabhängigen Wahrheitskommission an.

Nach Angaben des Zentrums für Menschenrechte (Cenidh) sind bei den Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei bislang 302 Menschen gestorben. Die Menschenrechtsorganisation ANPDH spricht sogar von 448 Toten. Außerdem seien mehr als 2.000 Menschen verletzt, Hunderte seien verschwunden oder festgenommen worden.

Präsident Ortega sagte dem US-Sender CNN, die Daten der Menschenrechtsgruppen seien nicht bestätigt. Organisationen wie Amnesty International hätten das Land nur kurz besucht und stünden unter dem Einfluss von lokalen Nichtregierungsorganisationen, die gegen die Regierung seien. Die Organisationen stifteten die Bevölkerung außerdem dazu an, zu denunzieren und Dinge zu erfinden, sagte Ortega.

Die Proteste gegen Ortega hatten sich Mitte April an einer Reform der Sozialversicherung entzündet. Die Polizei schlug die Demonstrationen gewaltsam nieder. Auch nachdem Ortega die Reform zurückgezogen hatte, forderten Demonstranten weiter seinen Rücktritt und den seiner Frau, Vizepräsidentin Rosario Murillo.

Murillo sagte am Mittwoch, die Regierung strebe nach "Gerechtigkeit und Wiedergutmachung" für die betroffenen Familien. Die Proteste bezeichnete sie als "Putschversuch und Terroranschlag". "Die Terroristen, Anstifter, Komplizen, Täter und Kriminellen" dürften nicht ungestraft bleiben, sagte sie örtlichen Medien.