Joseph Uscinski ist Politikwissenschaftler an der Universität von Miami. Seit zehn Jahren erforscht er, wie Verschwörungstheorien entstehen und warum Leute an sie glauben. Er ist Co-Autor des Buches "American Conspiracy Theories" (Oxford, 2014), in diesem Jahr erscheint sein zweites Buch. Die Seite 911Truth.org, die hinter den Anschlägen vom 11. September eine Verschwörung der Regierung vermutet, bezeichnete Uscinsky als "#1 enemy of truth".

ZEIT ONLINE: Herr Uscinski, gerade hört man viel von QAnon, einer Verschwörungstheorie, nach der Hollywoodschauspieler, Politiker der Demokraten und Beamte sowohl einen Kinderhändlerring betreiben und zugleich einen Putsch planten. Demnach arbeitet Robert Mueller im Auftrag von Präsident Donald Trump, um diesen Putsch zu verhindern. Warum glauben Leute an solche kruden Verschwörungstheorien?

Joseph Uscinski: Es gibt eine Vielzahl an Erklärungen, Psychologen, Politikwissenschaftler und Historiker haben alle unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Kurz gesagt: Jeder Mensch neigt unterschiedlich stark dazu, an solche Theorien zu glauben. Manche glauben vielleicht an ein oder zwei, andere an eine ganze Reihe, wieder andere glauben quasi an jede Verschwörungstheorie, die sie finden.

ZEIT ONLINE: Ist es einfacher für Verschwörungstheoretiker, wenn ein Land gespalten ist?

Uscinski: Zum Teil ja. In den USA ist die eine Hälfte republikanisch, die andere demokratisch. Leute auf der konservativen Seite glauben eher an Dinge wie die Birther-Theorie, die behauptet, Obama sei nicht in den USA geboren und habe seine Geburtsurkunde gefälscht. Demokraten hängen tendenziell eher der Idee an, dass George W. Bush die Zwillingstürme in New York in die Luft gejagt hat, um den Irakkrieg zu rechtfertigen.

ZEIT ONLINE: Erreichen solche Ideen eine Mehrheit?

Uscinski: Die gute Nachricht ist, dass diese Theorien meist nur jene erreichen, die ohnehin dazu neigen, an so etwas zu glauben. Und wenn es sich um eine politische Verschwörungstheorie handelt, dann beschränkt sie sich in den USA zusätzlich auf eine der beiden Parteien. Im schlimmsten Fall glauben 40 bis 50 Prozent einer Seite an eine Theorie.

ZEIT ONLINE: Was ist der Zweck dieser Verschwörungstheorien?

Uscinski: Das kann ganz unterschiedlich sein. Einige setzen sie in die Welt, um damit Geld zu verdienen, andere zum Spaß. Die wahren Anhänger verbreiten sie, weil sie wirklich davon überzeugt sind, dass sie wahr sind. Sie wollen andere Leute warnen und sie auf einen möglichen Kampf vorbereiten. Nach einer politischen Niederlage dienen sie auch dazu, Wunden zu heilen. Eine Niederlage ist einfacher zu verkraften, wenn man glaubt, dass das Spiel von vornherein unfair war. Die größte Verschwörungstheorie im Moment ist nicht QAnon, sondern die Überzeugung der Linken, dass es eine große Verschwörung zwischen Trump und Putin gab. Damit erklären sie die Wahlniederlage. Ob sich das nun bewahrheitet oder nicht, sie greifen damit jeglichen Beweisen vorweg.

ZEIT ONLINE: Gerade kursieren aber nicht nur unter den Wahlverlierern Verschwörungstheorien, sondern auch bei der Partei, deren Mann im Weißen Haus sitzt. Woran liegt das?

Uscinski: Donald Trump hat sich im Wahlkampf nicht auf die Durchschnittswähler konzentriert, sondern von vornherein auf diejenigen, die an Verschwörungstheorien glauben. So hat er die Vorwahlen gewonnen. Er hat seine Koalition auf Verschwörungstheorien aufgebaut.

ZEIT ONLINE: Welche Theorien waren das?

Uscinski: Er hat fast jeden Tag eine andere verwendet. Aber unter dem Strich stand der Glaube, dass die politischen Eliten die Interessen der Amerikaner zugunsten ausländischer Interessen aufgegeben haben. Das war seine Kampagne.

ZEIT ONLINE: War er damit alleine?

Uscinski: Nein, Bernie Sanders hat dasselbe auf der anderen Seite getan. Er hat sich auch auf Außenseiter und Wähler konzentriert, die an so etwas glauben. Seine Theorie war es, dass das oberste und reichste eine Prozent der Bevölkerung das gesamte politische und wirtschaftliche System kontrolliert. Damit hat er wie Trump in den Vorwahlen 40 Prozent der Basis gewonnen.