Das private Rettungsschiff Aquarius nimmt seinen Einsatz zur Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer wieder auf. Die Aquarius steuere "mit starker Unterstützung durch die europäische Öffentlichkeit" als "eines der letzten verbliebenen humanitären Rettungsschiffe" von Marseille aus in Richtung der libyschen Küste, teilte die Hilfsorganisation SOS Méditerranée mit.

"Obwohl sich die Bedingungen für eine Seenotrettung im Mittelmeer in den letzten zwei Monaten radikal verändert haben, gibt es keine Alternative zur Rettung von Menschen in Seenot", hieß es in der Mitteilung. Die Aquarius habe sich den neuen ungewissen Bedingungen "strategisch und technisch angepasst". SOS Méditerranée betreibt das gecharterte Schiff gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen.

"Die humanitäre Tragödie auf See, das Versagen der EU, spielt sich vor unseren Augen ab", sagte die Geschäftsführerin von SOS Méditerranée Deutschland, Verena Papke. Seit Jahresbeginn seien bereits mehr als 1.100 Menschen im zentralen Mittelmeer gestorben. Über 700 von ihnen seien allein seit Juni ums Leben gekommen, "dem Monat, in dem zivile Rettungsschiffe davon abgehalten wurden, Menschen in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste zu retten", sagte Papke.

Im Juni hatten sich Malta und Italien geweigert, die Aquarius in ihre Häfen einlaufen zu lassen. Das Schiff, an dessen Bord sich 600 Flüchtlinge befanden, durfte schließlich im spanischen Valencia anlegen. Auch nach der Fortsetzung des Einsatzes ist unklar, wohin gerettete Menschen gebracht werden könnten.

Helfer wollen Gerettete nicht nach Libyen bringen

Die italienische Regierung hat angekündigt, keine weiteren Bootsflüchtlinge aufzunehmen. Italien hat mittlerweile die Koordination der Rettungsaktionen an Libyen abgegeben, das Ende Juni eine eigene Such- und Rettungszone vor der Küste eingerichtet hat. Die Zone schließt auch internationale Gewässer vor der libyschen Seegrenze mit ein. Ob das Bürgerkriegsland die Zone tatsächlich überwachen kann, gilt als zweifelhaft.

SOS Méditerranée kündigte mit dem Beginn des neuen Einsatzes an, Libyen nicht als sicher zu betrachten. "Solange Libyen nicht als sicherer Ort bezeichnet werden kann, wird die Aquarius niemals eine gerettete Person in einem libyschen Hafen anlanden", teilte die Organisation mit.

Die Aquarius hat nach Angaben von SOS Méditerranée seit 2016 mehr als 29.300 Menschen aus Seenot gerettet. Durch größere Nahrungsvorräte an Bord sei man auf erneute Verzögerungen beim Anlaufen eines Hafens vorbereitet, teilte die Organisation mit. Um die Würde von möglicherweise geborgenen Toten zu respektieren, habe man außerdem eine Kühlkammer eingerichtet.

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty