Im Wellental der Geschichte haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland manches Auf und Ab erlebt. Es hat sehr gute Zeiten gegeben und sehr schlechte. Bald waren die Länder enge Verbündete, etwa gegen Napoleon, bald waren sie erbitterte Feinde, so im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Kalten Krieges schienen sie zunächst ein Herz und eine Seele. Michail Gorbatschow ließ sich auf die Wiedervereinigung ein, obwohl er hätte Nein sagen können. Deutschland wurde zum wichtigsten Handels- und Wirtschaftspartner Russlands, eine Modernisierungspartnerschaft bahnte sich an. Doch seit eineinhalb Jahrzehnten haben sich Deutschland und Russland zusehends wieder auseinandergelebt.

Das begann schon weit vor der Annexion der Krim und dem Krieg zwischen Kiew und den russischen Separatisten im Donbass. Im Bundestag hatte Wladimir Putin noch 2001 verkündet, Russland habe Europa gewählt, doch nur sechs Jahre später klang er auf der Münchner Sicherheitskonferenz ganz anders. Zum einen mochte er sich bedrängt, sogar eingekreist fühlen vom Vordringen der Nato bis an Russlands Haustür; selbst der Ukraine und Georgien wurde ja die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt. Zum anderen jedoch kehrte er sich von Europa ab, das er mittlerweile für Amerikas Speerspitze in der Alten Welt hielt. Außerdem hatte er sich unter dem Einfluss des politphilosophischen Rechtsauslegers Alexander Dugin vom dekadenten "Gayropa" abgewendet und hingewendet zu den herkömmlichen Werten der Orthodoxie, zum Neo-Panslawismus und zu einem Eurasianismus, in dem Russland nicht mehr der Osten des Westens ist, sondern nun im Zentrum von Großeurasien der Westen des Ostens.

Die Ukraine-Krise wurde dann vollends zum Wende- und Bruchpunkt, auch in den deutsch-russischen Beziehungen. Auf die versöhnliche Phase des Neubeginns folgte erst Abkühlung, dann Entfremdung. Unter dem Einfluss einer ständig sich verschärfenden, sanktionswütigen amerikanischen Russlandpolitik droht nun eine neue Frostperiode. Meiner Ansicht nach liegt es jedoch im dringlichen Interesse Deutschlands, den Absturz in eine lang anhaltende Eiszeit zu verhindern. Deswegen ist es richtig, dass die Bundeskanzlerin den Draht nach Moskau nicht abreißen lässt und immer wieder das Gespräch sucht. Was Russland angeht, muss Deutschland sich aus dem Schlepptau Washingtons lösen.

Die amerikanische Russlandpolitik entbehrt jeglicher Rationalität. Sie wird primär vom US-Kongress bestimmt, nicht vom Weißen Haus. Die Demokraten sind gegen Putin, weil sie seinen Machenschaften anlasten, dass Hillary Clinton die Wahl verlor, was weder bewiesen ist noch beweisbar. Die Republikaner wollen mit ihrer antirussischen Scharfmacherei vor allem Trump treffen. Der aber ist intellektuell und wegen seiner bisher nicht aufgeklärten Verwicklung in fragwürdige russische Geschäfts- und Wahlkampfhilfe nicht in der Lage zu einem normalen, realpolitischen Umgang mit Moskau. Die neuen Sanktionen (wegen der Giftanschläge auf die Skripals) und die darüber hinaus im Kongress vorbereiteten weiteren Sanktionsvorhaben (die Moskau veranlassen sollen, sein weltpolitisches Verhalten zu verändern) schmeicheln der amerikanischen Selbstgerechtigkeit. Zu einem überzeugenden außenpolitischen Konzept, einer außenpolitischen Strategie fügen sie sich nicht.

In unserer Russlandpolitik sollten wir uns – wie überhaupt in unserer Außenpolitik – sowohl vor Illusionen als auch vor Obsessionen hüten.

Illusion Nummer eins: Das harte Vorgehen mit immer schärferen Sanktionen könne einen Kurswechsel der russischen Außenpolitik erreichen. Sie könnten leicht in einen totalen Wirtschaftskrieg ausarten. Dies kann weder im deutschen noch im europäischen Interesse liegen. Außerdem würden sich die Russen erst recht um Putin scharen. "Das russische Volk wird große Opfer auf sich nehmen, um sich in einer Konfrontation mit dem Westen zu behaupten", sagt nicht nur der amerikanische Historiker Michael Kimmage.

Illusion Nummer zwei: Verstärkter Druck von außen werde die Wandlung Russlands in eine liberale Demokratie und soziale Marktwirtschaft befördern. Es wird indes noch lange bei der autoritären Herrschaftsstruktur und dem oligarchischen Kapitalismus bleiben, der sich in den chaotischen Jelzin-Jahren herausgebildet und unter Putin verfestigt hat.

Illusion Nummer drei: Es lasse sich eine tragfähige und friedenssichernde Sicherheitsarchitektur in Europa gegen Russland errichten.
Sie lässt sich nur mit Russland gestalten – durch die Aufrechterhaltung etwa des INF-Abkommens, das die atomaren Mittelstreckenraketen aus Europa verbannte; durch das Streben nach weiteren Rüstungskontrollabmachungen im Cyberraum; und vor allem durch ernsthafte Bemühungen, dem Minsker Abkommen über die Ukraine selbst gegen Kiewer Bockigkeit auch im Donbass zu voller Wirksamkeit zu verhelfen und die "eingefrorenen Konflikte" in Transnistrien, in Abchasien und Ossetien in friedlicher Vereisung zu halten, bis ihre Überwindung möglich wird.