Menschenrechtler der Vereinten Nationen sehen starke Anzeichen für Kriegsverbrechen im Bürgerkriegsland Jemen. Eine Expertenkommission erhob schwere Vorwürfe gegen die sunnitische Regierung und ihre Verbündeten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und verlangte, die Verantwortlichen vor einem unabhängigen Gericht zur Rechenschaft zu ziehen. Sie habe eine Liste mit den Namen möglicher Täterinnen und Täter an den UN-Hochkommissar für Menschenrechte geschickt.

Im Jemen versucht die sunnitische Regierung mit ihren Verbündeten seit dreieinhalb Jahren, einen Aufstand der schiitischen Huthi-Rebellen niederzuschlagen. Sowohl die VAE als auch Saudi-Arabien sehen in den Huthi-Rebellen eine Bedrohung – weil sie Schiiten sind und weil der Iran sie unterstützt. Seit März 2015 sind bei den Kämpfen nach Angaben der UN mindestens 6.600 Zivilisten getötet und mehr als 10.000 verletzt worden. "Die wahren Zahlen sind wahrscheinlich deutlich höher", heißt es im Bericht der Experten.

Luftangriffe der Koalition hätten Hochzeits- und Trauergesellschaften, Märkte, Schiffe mit Zivilisten an Bord und medizinische Einrichtungen getroffen, schreiben die Experten. Menschen würden willkürlich verhaftet, vergewaltigt und gefoltert. Die UN-Experten beschuldigten auch "De-facto-Obrigkeiten", womit offensichtlich die Anführer der Huthi-Rebellen gemeint sind, Verbrechen begangen zu haben, darunter willkürliche Festnahmen, Folter und das Rekrutieren von Kindersoldaten. "Es gibt kaum Anhaltspunkte, dass die Konfliktparteien versuchen, zivile Opfer zu vermeiden", sagte der Vorsitzende der Expertengruppe, Kamel Jendoubi, in Genf.

USA überdenken offenbar ihre Unterstützung

Die Expertinnen und Experten der UN waren mehrfach im Jemen, konnten Regionen unter Kontrolle der Huthi-Rebellen aber nicht besuchen. Die Vereinten Nationen vermuten, dass auch sie wahrscheinlich für zivile Opfer verantwortlich sind, etwa durch den Einsatz von Streumunition bei innerstädtischen Kämpfen. Diese Vorwürfe müssten weiter untersucht werden.  

Nicht thematisiert wurde in dem Bericht zudem die Rolle der westlichen Unterstützer der Koalition – etwa der USA und Großbritanniens. Bei dem Mandat sei es ausschließlich um Menschenrechtsverletzungen gegangen, sagte der Mitvorsitzende Charles Garraway.

Die USA haben nach Angaben des Senders CNN damit gedroht, ihre Unterstützung der Koalition wegen der vielen zivilen Opfer der Bombardierungen zu kürzen. Anfang August wurde ein Schulbus getroffen, wobei nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) 40 Kinder und elf Erwachsene getötet wurden. Vergangene Woche wurde nach Angaben der Huthi-Rebellen ein Fahrzeug mit Flüchtenden von einer Rakete getroffen. Dabei seien 20 Kinder und sechs Erwachsene gestorben.

Saudi-Arabien will Bericht der UN prüfen

Der Vizeaußenminister der Emirate, Anwar Karkasch, teilte über Twitter mit, der Expertenbericht müsse genau studiert werden, um zu sehen, was er über die Verbrechen der Huthi-Rebellen an Zivilisten sage. In der Jemen-Krise gehe es darum, den Staat wiederherzustellen und die Zukunft der Region vor einem iranischen Vormarsch zu schützen.

Die von Saudi-Arabien geführte Koalition teilte nur mit, sie schaue sich mit Interesse alle UN-Berichte zum Jemen an, wie der staatlich finanzierte Nachrichtenkanal Al-Arabija meldete. Nach einer Prüfung werde das Bündnis die "angemessene Position" dazu veröffentlichen.

Der Sprecher der Koalition, Turki al-Maliki, hatte den UN noch am Montag vorgeworfen, sie stünden auf der Seite der Huthi-Rebellen. Er reagierte damit auf Vorwürfe, bei Luftangriffen des Bündnisses seien zuletzt erneut zahlreiche Zivilisten getötet worden. Für die Opfer machte Al-Maliki die Huthis verantwortlich. Die im Jemen operierenden UN-Organisationen beschuldigte er, die Sichtweise der Rebellen zu verbreiten, wie die saudische Agentur SPA meldete.