Die aggressive außenpolitische Agenda von Mohammed bin Salman ist noch nicht an ihrem Ende angelangt. Den Anfang machten 2017 Salmans Maßnahmen gegen den kleinen Golfnachbarn Katar. Es folgte der im Königspalast von Riad erpresste Rücktritt des libanesischen Regierungschefs Saad Hariri und nun läuft die erste Kampagne gegen eine westliche Nation, gegen Kanada. Totaler Druck an allen Fronten heißt die Devise des allmächtigen Kronprinzen von Saudi-Arabien, dem egal ist, wie sehr seine Landsleute darunter leiden.

Auslöser der Krise mit Kanada war ein kritischer Tweet der kanadischen Außenministerin Chrystia Freeland zur Festnahme der Menschenrechtsaktivistin Samar Badawi in Saudi-Arabien. Samar ist die Schwester des bekannten Bloggers Raif Badawi, der ebenfalls in Saudi-Arabien inhaftiert ist. Die Regierung in Riad reagierte ungewöhnlich harsch auf die Kritik, wies zunächst den kanadischen Botschafter aus und zog ihren Botschafter aus Ottawa zurück. Doch das sollte erst der Beginn sein.

Zudem hat Riad angewiesen, dass alle 8.000 saudischen Studentinnen und Studenten sowie ihre 6.500 Familienangehörigen Kanada innerhalb der nächsten Wochen verlassen müssen, genauso wie alle saudischen Patienten, die sich dort operieren oder behandeln lassen. Staatliche Pensionsfonds und die Zentralbank müssen sämtliche kanadische Wertpapiere verkaufen, ungeachtet der Verluste. Die Luftverbindungen nach Kanada wurden bereits gekappt. Medial verbreiten saudische Trolle online massenhaft wilde Gerüchte über Kanada und selbst ernannte Kanada-Experten bevölkern saudische Talkshows und verkünden, die nordamerikanische Nation sei unter dem Deckmantel von Menschenrechten in Wirklichkeit ein Sponsor des weltweiten Terrorismus.

In dieser aufgeheizten Stimmung meldete sich jetzt erstmals Kanadas Premier Justin Trudeau zu Wort. Beim Thema Menschenrechte unnachgiebig, versuchte er, die Gemüter zu beruhigen. "Wir wünschen uns keine schlechten Beziehungen zu Saudi-Arabien", versicherte der kanadische Regierungschef und gestand seinem Kontrahenten auf der Arabischen Halbinsel zu, er habe "bei den Menschenrechten Fortschritte gemacht".

Der Westen schweigt bislang

Außenministerin Chrystia Freeland führte ein langes Gespräch mit ihrem saudischen Amtskollegen Adel al-Dschubeir, der ihr jedoch nicht entgegenkam. Es gebe nichts zu verhandeln, erklärte er und kündigte an, sein Land erwäge vielmehr weitere Maßnahmen. Auf die beiden verhafteten Aktivistinnen Samar Badawi und Nassima al-Sadah angesprochen, sagte der Chefdiplomat aus Riad, diese hätten mit "ausländischen Instanzen" in Kontakt gestanden. Das Ganze sei also keine Frage der Menschenrechte, sondern der nationalen Sicherheit.

Und so sieht sich der 32-jährige Thronfolger auf dem richtigen Weg mit seinen Frontalattacken, die alle Kritiker – egal, ob außen oder innen – zum Schweigen bringen sollen. Bisher mit Erfolg: Weder die USA noch irgendein anderes westliches Land sprangen Ottawa in dem diplomatischen Krach zur Seite. Auch daheim wagt niemand, Kritik an dem rabiaten Vorgehen zu üben.

Dabei wird die sklerotische Bürokratie des Königreichs entgegen aller Beteuerungen des Bildungsministers nicht in der Lage sein, die saudischen Studenten kurzfristig auf Universitäten in den USA, Großbritannien, Australien oder Neuseeland zu verteilen. Viele der Betroffenen haben jahrelang auf einen passenden Studienplatz in Kanada gewartet. Mindestens 1.000 sind angehende Doktoren, in der Medizin reichen die universitären Verbindungen beider Länder Jahrzehnte zurück. Ein erheblicher Teil der saudischen Ärzteschaft hat in Kanada studiert oder einen Teil seiner Ausbildung dort absolviert.