Auf den ersten Blick haben die beiden Nachrichten der vergangenen Woche nichts miteinander zu tun. Da sagte Saudi-Arabien den seit zwei Jahren weltweit gehypten Börsengang seines Erdölgiganten Aramco ab und verschob ihn auf unbestimmte Zeit. Und da forderte die Staatsanwaltschaft erstmals in der Geschichte des Königreiches, eine gewaltlose Aktivistin zum Tode zu verurteilen. Israa al-Ghomgham hatte 2015 zusammen mit vier Mitangeklagten in der schiitischen Ostprovinz an Demonstrationen teilgenommen, diese gefilmt und ins Netz gestellt.

Auf den zweiten Blick allerdings sind das PR-Desaster von Aramco und die Enthauptungsdrohung gegen eine 29-jährige Bürgerrechtlerin zwei Indizien für dieselbe Krise. Die Vision 2030 wankt, der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman ist dabei, mit seiner Megareform zu scheitern.

Denn mit dem Aramco-Desaster wird die zentrale Finanzquelle für den Umbau der ölsüchtigen Staatswirtschaft zur innovativen Privatökonomie über Nacht zur Fata Morgana. Gleichzeitig entlarvt das geforderte Todesurteil gegen die junge Schiitin die sozialen Lockerungen wie das Autofahren für Frauen, Kinobauten oder Konzertlizenzen als oberflächliche Politur. 100 Tage zuvor ließ der Kronprinz bereits ausgerechnet jene Frauen festnehmen, die für diesen Sprung der Gesellschaft seit Jahren gekämpft haben. Diese Pionierinnen für mehr Frauenrechte werden jetzt öffentlich verleumdet, wie Schwerverbrecherinnen behandelt und mit langen Haftstrafen bedroht.

Die junge Aktivistin aus Katif soll sogar hingerichtet werden. Ihr Verbrechen laut Anklage: Sie habe Slogans gegen die Regierung skandiert und andere Demonstranten moralisch unterstützt. Statt sich der unbestreitbaren sozialen Probleme im schiitischen Osten anzunehmen, trachtet die Justiz denen nach dem Leben, die das Versagen der Machthaber öffentlich machen. Genauso verhält es sich bei dem patriarchalischen Schariarecht, das Saudi-Arabiens Frauen entmündigt. Statt die männliche Allmacht aus den Frühzeiten der Arabischen Halbinsel zu beenden, werden führende Kritikerinnen vor Terrorgerichtshöfe gezerrt.

Malochen ist nichts für die Saudis

Nach innen wie nach außen agiert Mohammed bin Salman immer rabiater und unberechenbarer. Die bizarren Boykottkampagnen gegen Schweden, Katar und Kanada und der vernichtende Krieg im Jemen zehren das internationale Ansehen des Königreiches auf. Ausländische Direktinvestitionen sind zu einem Rinnsal verkümmert, die Kapitalflucht aus dem Land schwillt zu einer Lawine, weil das Vertrauen in den Chefreformer aus Riad schwindet.

Der Umbau des saudischen Arbeitsmarktes entwickelt sich zu einer gigantischen Pleite. Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie zuvor. Denn aus Sicht der meisten jungen Saudis ist arbeiten etwas für Ausländer, die man als rechtlose Malocher zu sich ins gelobte Land holt, während der eigene Ölsegen Gott sei dank ohne viel Aufwand aus dem Boden sprudelt. Arbeitsethos, Qualifikation und Disziplin des Nachwuchses sind völlig ungenügend, um das satte Königreich in eine innovative Dienstleistungs- und Hightech-Wirtschaft zu verwandeln.

Das verbreitete Ideal vom Arbeitsleben ist geprägt vom bleiernen Müßiggang des öffentlichen Dienstes, an dessen Schreibtischen bisher 80 Prozent aller Saudis ihre staatlichen Alimente einstreichen. Inder, Pakistanis und Asiaten werden in Scharen aus dem Land getrieben – die Jobs in der Privatwirtschaft, die sie hinterlassen, will sich kaum ein Saudi antun. Und so soll offenbar erneut, wie seit dem Beginn des Ölpreisbooms in den Siebzigerjahren üblich, auf gewohnte Weise Abhilfe geschaffen werden: durch 500.000 zusätzliche Stellen im öffentlichen Dienst.

Selbst gewaltlose Kritik ist gefährlich

Soll Saudi-Arabien das bequeme Petrodollar-Scheffeln hinter sich lassen und sich zu einer pulsierenden Volkswirtschaft entwickeln, ist das eine gigantische gesellschaftliche Aufgabe. Doch alle Debatten darüber sind verstummt. Die königlichen Reformen stecken fest, und von den Untertanen traut sich keiner mehr, den Mund aufzumachen. Intellektuelle werden verhaftet und Vordenker suchen das Weite. Aus den Zeitungen hallen nur noch monotone Jubelchöre. Im Internet wurden Heere von Pro-Salman-Trollen losgelassen. Eine unkonventionelle Meinung dagegen kann im heutigen Saudi-Arabien jeden die Existenz kosten. Wer mehr Rechte einfordert, wird aus dem Weg geräumt. Und wie der Fall der jungen Schiitin Israa al-Ghomgham zeigt, kann mittlerweile sogar gewaltlose Regierungskritik auf dem Hinrichtungsplatz enden.

Eine gesellschaftliche Kultur, die politische Vielfalt erlaubt und offene Debatten zulässt, unterschiedliche Meinungen akzeptiert und konträre Standpunkte toleriert, steht für den jungen Kronprinzen nicht zur Debatte. Statt Kritiker als wertvolle Triebkräfte für seine Reformprozesse anzusehen, pocht der Königssohn härter denn je auf seine schrankenlose Herrschermacht. Doch Mohammed bin Salman kann sein Land nicht im Alleingang umkrempeln. Das Dutzend Frauenrechtlerinnen und die kleine Protestgruppe aus Katif sind es jedenfalls nicht, die die Vision 2030 und die Zukunft Saudi-Arabiens gefährden. Es ist der Kronprinz selbst – wegen seiner einsamen Entscheidungen, seiner rabiaten Einschüchterungen und seiner absolutistischen Mentalität.