Eleham macht eine wegwerfende Handbewegung. "Ehrlich gesagt war es mir egal, wohin sie mich bringen würden. Von Portugal hatte ich nie zuvor gehört. Ich hätte jedes Land, das mich aufnehmen wollte, mit Dankbarkeit akzeptiert." Die junge Frau reibt sich die Augen, sie ist erschöpft.

Sonntagnacht kam Eleham in Portugal an. Die 20-Jährige war zusammen mit ihrem fünf Monate alten Baby Abubakar an Bord der Lifeline, jenem Schiff, mit dem der deutsche Kapitän Claus-Peter Reisch im Juni insgesamt 234 Flüchtlinge aus dem Meer vor Libyen rettete. Nach tagelanger Irrfahrt durfte Reisch vor Malta festmachen, weil mehrere Länder, darunter auch Portugal, die Geretteten aufnehmen wollten. Eleham gehört zu einer Gruppe von 30 Flüchtlingen, die seit dem vergangenen Wochenende in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bobadela, einem hübschen Vorort im Norden Lissabons, untergekommen ist: 26 Männer zwischen 18 und 30 Jahren, zwei alleinstehende Frauen sowie Eleham mit ihrem Sohn. Aus Datenschutzgründen dürfen ihre Nachnamen nicht öffentlich genannt werden. 

Vor dem Fenster der Einrichtung flimmert der Tejo in der Mittagshitze. Der Fluss ist hier so breit, dass man das andere Ufer mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Er wirkt so unendlich wie das Meer, über das Eleham nach Europa kam und das sie beinahe umgebracht hätte. Ihr Baby hopst ungeduldig auf Elehams Schoß herum, es will endlich gestillt werden. "Ohne die Lifeline wären wir jetzt tot", sagt die junge Mutter.

Eleham weiß nicht, dass sich Reisch für ihre Rettung nun vor einem maltesischen Gericht verantworten muss. Auch nicht, dass die Aktion eine der letzten von privaten Hilfsorganisationen war, ehe die Formulierung von der "Sperrung der Mittelmeerroute" Einzug in die politischen Debatten hielt. Die italienische Regierung verweigert privaten Rettungsschiffen inzwischen die Einfahrt in ihre Häfen. Nur noch zwei Privatinitiativen sind zurzeit im Mittelmeer im Einsatz, vor einem Jahr war es noch mehr als ein Dutzend private Rettungsschiffe.

Riskante Überfahrt

Kein voll beladenes Schlauchboot schafft es aus eigener Kraft von Libyen nach Europa. Das war allen klar, die in jener besagten Juninacht zur vermeintlich letzten Etappe aufbrachen. Mit an Bord: Eleham, eine Waise aus Dschibuti, einem Nachbarland Äthiopiens am Golf von Aden. In ihrer Heimat durfte sie nicht lesen und schreiben lernen – ein Grund, warum sie sich vor drei Jahren auf den Weg machte, ein anderes Leben für sich zu finden.

Mit Eleham und ihrem Baby saß ebenfalls Abdel Karim aus Darfur im Boot, der sich auch jetzt in Portugal noch als ihr Beschützer fühlt. Sie teilten die Angst während der Überfahrt und sprachen sich Mut zu, als die Mischung aus Diesel und Meerwasser ihre Haut verätzte und der Kraftstoff zur Neige ging. Würde keine Hilfe kommen, wäre das der sichere Tod. Aber die Schleuser hatten versprochen, dass Hilfe kommen würde.

Ein Libyer habe für Elehams Überfahrt bezahlt – wie viel, das weiß Eleham nicht. Nur, dass er sagte, sie müsse gehen. Seine Familie dürfe nicht erfahren, dass er sich mit ihr eingelassen und ein Kind mit ihr habe. "Ich habe ihn nie gewollt, aber er mich, und nur das zählte", erzählt sie in Portugal dem Übersetzer leise auf Arabisch und wendet sich ab, um sich verstohlen die Augen mit einem Zipfel ihres Kleides zu wischen.

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty