Amnesty International hat von der Türkei gefordert, umgehend die "schweren Verstöße" durch verbündete syrische Rebellen in der von ihr besetzten Region Afrin zu beenden. "Die türkische Militäroffensive und Besatzung haben das Leiden der Einwohner des syrischen Afrin verschärft, die bereits Jahre eines blutigen Konflikts durchgestanden haben", kritisierte die Amnesty-Forscherin Lynn Maalouf. Die Türkei sei als Besatzungsmacht verantwortlich für das Wohlergehen der Zivilbevölkerung und die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. "Bisher haben ihre Streitkräfte bei diesen Pflichten völlig versagt", kritisierte Maalouf.

Die türkische Armee und verbündete Rebellengruppen hatten Afrin im März nach wochenlangen Kämpfen von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) erobert. Die Regierung in Ankara betrachtete die Präsenz der Kurdenmiliz an ihrer Grenze wegen deren enger Verbindungen zur Arbeiterpartei Kurdistans als Bedrohung. International wurde die Offensive, der auch zahlreiche Zivilisten zum Opfer fielen, kritisiert.

Die Türkei ist entschlossen, weiter in der Region zu bleiben und hat Tausende Flüchtlinge aus der Türkei und anderen Gebieten Syriens dort angesiedelt. Die Amnesty-Forscherin Maalouf kritisierte, die Türkei benutze syrische Milizen, um "ihre Drecksarbeit" zu machen. Das enthebe sie aber nicht der Verantwortung für deren Taten. Sie müsse umgehend die Verstöße protürkischer Gruppen beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Gefoltert und verschleppt

Laut Amnesty berichteten ihre Quellen von mindestens 86 Fällen, in denen Einwohner gefoltert oder verschleppt wurden, weil sie Kontakt zur YPG-Miliz gehabt haben sollen. Viele Einwohner klagten zudem, dass ihre Häuser geplündert, von der Armee konfisziert oder von Flüchtlingen aus anderen Gebieten Syriens besetzt worden seien. Auch habe die Armee Schulen besetzt, sodass Kinder am Schulbesuch gehindert würden.

Amnesty warf aber auch der YPG-Miliz vor, geflohene Einwohner aus Afrin an der Rückkehr zu hindern. So habe die YPG die Straßen aus der angrenzenden Region Al-Schahba gesperrt, wohin Tausende Menschen während der Kämpfe geflohen seien, sodass Rückkehrwillige den beschwerlichen Weg über die Berge nehmen müssten. Die syrische Regierung wiederum hindere Kranke daran, sich in anderen Regionen behandeln zu lassen, kritisierte Amnesty.