Diesen Sommer war Salha drauf und dran, den Libanon zu verlassen. Ihrem Sohn Mohammed zuliebe ließ sie es dann noch erst einmal. Die 65-jährige Großmutter wollte sich endlich an den Wiederaufbau ihres Zuhauses in Syrien machen, damit Mohammed und seine fünf Kinder dorthin zurückkehren konnten. Mohammed ist inzwischen 45 Jahre alt und ein erfolgreicher Ex-Schmuggler, aber Salha hat ihn ganz allein großgezogen – warum also sollte sie nun aufhören, für ihn zu sorgen?

Zurzeit lebt die Familie behelfsmäßig auf dem Bauernhof eines Freundes in Arsal, einer Stadt in der gebirgigen Grenzregion des Libanons zu Syrien; dort wird die Entscheidung hin und her gewälzt. Mohammed hat seinen Vater mit fünf Monaten verloren, Geschwister hat er nicht – seine Mutter und er sind es gewöhnt, füreinander da zu sein. Die Vorstellung, wie sie allein in ihrem Dorf in Syrien sitzt, vielleicht einen Arzt braucht und niemandem Bescheid geben kann, ist unerträglich für ihn. Schließlich erklärte sich Salha bereit zu warten, bis Mohammed die ganze Familie von der gemeinsamen Rückkehr überzeugt hat.

Mohammed saugt an seiner Zigarette und erklärt, in welchem Dilemma seine Familie steckt. Salha wird langsam gebrechlich und sehnt sich nach ihrem Zuhause gleich hinter den Kalamun-Bergen, und Mohammed möchte ihr den Wunsch erfüllen. "Jeder will in seinem eigenen Dorf sterben", sagt er. Seine Söhne jedoch, 18 und 20, weigern sich zurückzugehen. Sie haben Angst, dass sie eingezogen werden und im syrischen Krieg kämpfen müssen; Mohammed befürchtet, dass sie auch im Libanon Probleme bekommen könnten. "Zurückgehen ist gefährlich, hierbleiben aber auch", sagt er.

Der Krieg in Syrien hat den Bruch vieler internationaler Normen mit sich gebracht. Das Verbot von Chemiewaffen und das Verbot, Journalisten, Schulen, Krankenhäuser anzugreifen, wurde wiederholt missachtet. Die Rückführung von Syrern droht nun einen weiteren Grundsatz auszuhöhlen, der seit dem Zweiten Weltkrieg gilt: Flüchtlinge dürfen nicht zur Rückkehr in ein Land gezwungen werden, wo sie in Gefahr sind.

Das Prinzip der freiwilligen Rückkehr ist längst bedroht. Heutige Konflikte dauern länger an, strapazieren Hilfsbudgets und die Kapazitäten und das Wohlwollen der Nachbarländer; reichere Länder außerhalb der Kriegsgebiete nehmen indessen weniger Menschen auf. So bleibt Flüchtlingen oft kaum eine andere Möglichkeit als heimzukehren, sei es auch noch so gefährlich.

Für viele Syrer "verliert der Begriff der freiwilligen Rückkehr allmählich seine Bedeutung", sagt Maha Yahya, die Direktorin des Carnegie Middle East Center in Beirut, das kürzlich eine der umfassendsten Studien über Voraussetzungen für die Rückkehr syrischer Flüchtlinge veröffentlicht hat. "Viele müssen sich entscheiden: Wollen sie im Elend in einem Gastland leben, das sie ablehnt – oder wollen sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um in ihr Heimatland zurückzukehren, das sie auch nicht unbedingt haben will."

Bislang glauben nur wenige daran, dass die Rückkehr es wert ist, dieses Risiko in Kauf zu nehmen. 2017 sind laut UN von den 5,6 Millionen, die aus Syrien geflohen sind, 77.300 selbständig ins Land zurückgekehrt.

Kehren Flüchtlinge unfreiwillig zurück oder weil sie keine Alternative haben, endet das oft in einer erneuten Flucht. "Rückkehr funktioniert am besten, wenn es eine freie Entscheidung war, und die reift oft nur allmählich heran", sagt die Forscherin Katy Long, die 2013 für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR eine unabhängige Studie zur Rückkehr verfasst hat. "Aber in den meisten Fluchtsituationen herrscht starker politischer Druck, weil Staaten durch das Zurückholen der Menschen die Krise für beendet erklären wollen."

Kampagne gegen das UNHCR stieß auf Widerstand

Flüchtlingscamp in Arsal im Osten des Libanon © Abdel-Monhem Amiri

Im Fall Syriens dürfte das erst recht so sein. In Europa hat die Ankunft von einer Million Syrer seit 2015 das Vertrauen in die politischen Organe erschüttert, die dafür kaum effektive Lösungen fanden. "Die Nachwehen davon verstärken vermutlich noch einmal den Druck", die Krise für beendet zu erklären, sagt Long. "Vor allem, da einige europäische Staaten mächtigen Einfluss auf die Rückkehrpläne nehmen können."

Seit einem Jahr bringen die syrische Regierung und ihre libanesischen Verbündeten immer wieder kleine Gruppen zurück in Grenzgebiete, die unter Regierungskontrolle stehen. Die Flüchtlinge unterziehen sich einer Sicherheitsüberprüfung durch den libanesischen und syrischen Geheimdienst und vereinbaren einen "Versöhnungs"-Prozess mit der Regierung, die Männern unter 43 typischerweise sechs Monate Schonfrist vom Militärdienst gewährt.

Für die syrische Regierung ist es ein politisches Kalkül: Wen will man wiederhaben, und welchen Preis kann man einer Welt abverlangen, die darauf brennt, syrische Flüchtlinge loszuwerden. Zwar ist Präsident Baschar al-Assad international weitgehend isoliert, aber in der libanesischen Partei und Miliz Hisbollah hat er einen Verbündeten und Kampfgenossen, der auch vom Iran unterstützt wird.

Eine Andeutung, vor welches Dilemma syrische Rückkehrer die internationale Gemeinschaft stellen, gab es dieses Jahr im Libanon. Im April wurden – nach geheimdienstlicher Überprüfung – etwa 500 Syrer aus der abgelegenen südlibanesischen Stadt Schebaa und umliegenden Dörfern mit Bussen in ihre Heimatstadt Beit Dschinn gebracht. Diese liegt nur 10 Kilometer entfernt über die Berge und wurde kurz zuvor von Regierungstruppen zurückerobert.

Millionen Flüchtlinge, nur wenige Rückkehrer

Rund 77.000 Flüchtlinge sind nach Schätzungen von UNHCR und IOM im vergangenen Jahr nach Syrien zurückgekehrt. Weitere 850.000 innerhalb des Landes vertriebene Syrer gingen zurück in ihre Heimatorte, während im selben Jahr 2,9 Millionen Menschen neu vertrieben wurden.

UNHCR, IOM

Das UNHCR veröffentlichte eine nichtssagende Erklärung, es sei an der Organisation dieser Rückführung nicht beteiligt. Sein Standpunkt: Die Bedingungen in Syrien lassen keine Rückkehr in ein sicheres und würdevolles Leben zu, daher wird eine Rückkehr "weder empfohlen noch gefördert". Die meisten Regierungen schlossen sich dieser Linie an.

Im Libanon aber standen die jahrelang aufgeschobenen Wahlen bevor, und christliche Hardliner stürzten sich auf die paar Zeilen der Erklärung. Außenminister Gebran Bassil untersagte dem UNHCR weitere Stellungnahmen und warf ihm vor, Flüchtlingen Angst vor der Rückkehr einzujagen. Schließlich setzte er die Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen für UNHCR-Mitarbeiter im Libanon aus. 

Bassil warnt vor einem "internationalen Komplott" mit dem Ziel, Flüchtlinge im Libanon zu halten und so das Land zu schwächen. Er sucht internationale Unterstützung bei der Rückführung von Syrern und nutzt dafür die Flüchtlingsfeindlichkeit in Europa aus. Bei einem Besuch in Ungarn im vergangenen Jahr bat er Viktor Orbán um Hilfe, und Libanons Präsident Michel Aoun, Bassils Schwiegervater, richtete die gleiche Bitte an eine Delegation rechter Europaparlamentarier, die im Juni im Libanon zu Gast waren. Andernfalls, warnte er, könnten Syrer "nach Europa stürmen".

Die Kampagne gegen das UNHCR stieß auf Widerstand, international wie auch national. Die libanesische Regierung ist gespalten in Gegner und Unterstützer des syrischen Regimes, und Bassils persönlicher Feldzug gegen das UN-Flüchtlingshilfswerk verärgerte viele im Land. "Wer versucht, die Syrer zu vertreiben, will sie wieder der Gefahr aussetzen, der sie entkommen sind", mahnte der oberste sunnitische Geistliche in seiner Predigt zum Ende des Ramadans.

"Wir haben Angst, dass wir irgendwann zurückgeschickt werden"

Kurz vor der Abfahrt eines Konvois nach Syrien im libanesischen Arsal © Abdel-Monhem Amiri

Im Juni besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Libanon und drängte die Regierung zur Zusammenarbeit mit dem UNHCR; US-Senatoren forderten ihren Außenminister Mike Pompeo auf, dasselbe zu tun.

Aber ohne eine klare Vision, wie die Rückkehr der Syrer stattdessen aussehen könnte, überlässt man autoritären Stimmen das Feld. "Man kann sich nicht einfach auf den Humanitarismus zurückziehen wie in den Fünfzigerjahren. Die Welt hat sich verändert", sagt Nasser Yassin von der American University in Beirut. "Dem weltweit grassierenden Rechtsnationalismus muss man etwas entgegensetzen. Aber wir reagieren nur und lassen uns die Tagesordnung von den Flüchtlingsfeinden diktieren."

Im Juli trat Russland auf den Plan. Dessen Intervention seit 2015 hat den Krieg zugunsten der Regierung kippen lassen, jetzt aber will der Kreml das Schlachtfeld offenbar gern wieder verlassen. Nach dem Treffen Wladimir Putins mit US-Präsident Trump schickte das russische Verteidigungsministerium einen Vorschlag für einen gemeinsamen Aktionsplan nach Washington: 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge sollen zurückkehren, unter anderem die merkwürdig exakt geschätzte Anzahl von 889.031 aus dem Libanon. Libanesische Politiker, nach wie vor uneins in der Frage, ob die UN die Rückkehr leiten und überwachen sollte, lobten die Idee.

Seit Ende Juni sind mehrere Tausend Syrer im Zuge jener sogenannten "Versöhnungs"-Vereinbarungen aus dem Libanon zurückgekehrt. Mohammed hatte sich innerhalb zweier Wochen schon zweimal umentschieden, ob er es ihnen gleichtun soll, dann hörte er vom Tod seines Schwagers Hasan. Der 40-Jährige war Anfang Juli von Arsal in ihr syrisches Dorf im Grenzgebirge zurückgekehrt. Drei Tage später wurde er in seinem Hauseingang von maskierten Männern erschossen.

Im libanesischen Arsal: Warten auf die Fahrt über die Grenze nach Syrien © Abdel-Monhem Amiri

Der Krieg hat ihr Dorf Flita, wie auch viele andere, gespalten. Jetzt steht es unter Regierungskontrolle; wer geflohen war oder wer bestimmten Familien angehört, steht unter Oppositionsverdacht und muss Rache fürchten. Gerüchte, dass Verwandte nach ihrer Rückkehr verprügelt wurden, hatte Mohammed schon gehört, aber Hasans Tod war ein Schock. "Die Leute, die zurück nach Syrien gehen, trauen sich nicht zu erzählen, was wirklich los ist, selbst ihren eigenen Familien nicht", sagt er.

Mohammed zermartert sich den Kopf, was er tun soll, aber mehr noch fürchtet er, die Entscheidung könnte ihm aus der Hand genommen werden. Als Versicherung, falls seine Familie zur Rückkehr gezwungen wird, hat er einen Freund um Schutz gebeten, der zu Hause einer regierungstreuen Miliz angehört.

"Wir haben Angst, dass wir irgendwann zurückgeschickt werden. Da gehen wir lieber von allein", sagt Mohammed. Am besten in einer größeren Gruppe mit anderen, das erscheint ihm sicherer. Und er glaubt, dass sie nicht ewig werden bleiben können: "Wenn weitere Flüchtlinge gehen, wenn nur noch wenige von uns im Libanon sind, dann drängen sie uns bestimmt auch noch raus."

Aus dem Englischen übersetzt von John Birke

Mitarbeit: Abby Sewell

Dieser Artikel ist in einer englischen Version auf "Refugees Deeply" erschienen. Die Seite bietet für Nachrichten über die globale Migrationskrise einen E-Mail-Newsletter an.