Von einer "neuen Ära" hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch kurz nach den Präsidentschaftswahlen in den USA gesprochen. Mit Donald Trump im Weißen Haus, so hoffte man in Ankara, würde alles besser werden als unter dem vorherigen US-Präsidenten Barack Obama. Selbst als vergangenes Jahr Washingtons Kritik an der Türkei immer lauter wurde, blieben türkische Offizielle optimistisch. Sie hatten auch Grund dazu: Von Trump persönlich kamen schließlich keine tadelnden Worte. 

Das hat sich wenige Tage nach dem Nato-Gipfel in Brüssel, wo Trump Erdoğan noch mit einem kumpelhaften fist bump begrüßt hatte, schlagartig geändert. Grund ist Andrew Brunson, ein amerikanischer Pastor, der fast zwei Jahre in der Türkei inhaftiert war und inzwischen unter Hausarrest steht. Als Reaktion drohte erstmals Trump der Türkei auf Twitter mit Sanktionen. Und die kamen: Die US-Regierung hat am Mittwoch in einer beispiellosen Aktion Strafmaßnahmen gegen die türkischen Minister für Inneres und Justiz verhängt. Die USA werfen den AKP-Politikern Abdülhamit Gül und Süleyman Soylu eine "führende Rollen bei der Inhaftierung und Festnahme von Pastor Brunson" vor. Durch die Sanktionen werden die Vermögen der Minister in den USA eingefroren, außerdem dürfen US-Bürger keine Geschäfte mit ihnen abschließen. Die Lira sank daraufhin auf ein neues Rekordtief.

Die Eskalation zeigt, dass sich die türkische Regierung im Umgang mit den USA verkalkuliert hat. Die Sanktionen trafen Ankara unvorbereitet; Erdoğan rechnete wohl nicht damit, dass der US-Präsident seine Drohung ernst meinte. Eine Krise im türkisch-amerikanischen Verhältnis war aber schon länger zumindest nicht mehr ausgeschlossen. Während Trump Erdoğan lobte und ihm zu seinem Wahlsieg im Juni in der Türkei gratulierte, verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Nato-Verbündeten immer weiter.

Viele, viele Streitthemen

Die Liste der Streitpunkte ist lang. Die Türkei hoffte, dass Trump – anders als seine Konkurrentin Hillary Clinton und sein Vorgänger Barack Obama – den syrischen Kurden im Kampf gegen den "Islamischen Staat" keine Unterstützung zusagen würde. Doch die Trump-Regierung entschied sich für Waffenlieferungen an die Kurdenmiliz YPG, zum Ärger der Türkei. Ankara betrachtet die YPG als eine Terrororganisation. Tatsächlich wird die YPG von vielen Beobachtern als Schwesterorganisation der in der Türkei und Deutschland verbotenen PKK eingestuft. Zudem fordert die Türkei die Auslieferung des im US-Exil lebenden Imams Fethullah Gülen, den Erdoğan für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. US-Behörden sperren sich aber gegen eine Auslieferung, sprechen von mangelnden Beweisen.

Für Streit sorgte auch der Fall des türkischen Bankers Mehmet Hakan Atilla, der bei seiner Einreise in die USA festgenommen und später wegen illegaler Geschäfte mit dem Iran zu 32 Monaten Haft verurteilt wurde. Immer öfter kritisiert Ankara aber auch die Nahostpolitik der USA – beispielsweise die Verlegung der US-Botschaft in Israel nach Jerusalem. Oder Washingtons neue Iran-Sanktionen: Die Türkei hat angekündigt, dass sie sich daran nicht halten wolle. Die Entscheidung der Türkei, russische S-400-Luftabwehrraketen zu kaufen, sorgte in den USA für großen Unmut. Der US-Senat stoppte deshalb die Lieferung von F35-Jets an die Türkei.

Die Festnahme amerikanischer Staatsbürger und Botschaftsmitarbeiter in der Türkei führte bereits vergangenen Herbst zum Konflikt. Seit dem gescheiterten Putsch betreibt die türkische Regierung weitreichende "Säuberungsaktionen", die vor weiteren Umsturzversuchen schützen soll. Zehntausende angebliche Gülen-Anhänger und Terrorverdächtige wurden festgenommen, darunter auch einige Ausländer. Wegen der Verhaftung eines Mitarbeiters stoppte die US-Botschaft in Ankara 2017 vorübergehend die Vergabe von Visa.