Nach einem mutmaßlichen Anschlag auf den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro sind nach Angaben von Innenminister Néstor Reverol sechs Menschen festgenommen worden. Reverol nannte die in Gewahrsam genommenen Personen "Terroristen und Auftragsmörder". Mehrere Wohnungen wurden demnach durchsucht, Fahrzeuge beschlagnahmt und "erdrückende Beweise" gefunden.

Zuvor war Maduro nach Angaben seiner Regierung einem Mordanschlag entgangen. Der Angriff soll sich während einer Militärparade in Caracas mit zwei Drohnen ereignet haben. Laut Reverol sind sie jeweils mit einem Kilogramm C4-Sprengstoff beladen gewesen. "Die Ladung kann Schäden in einem Radius von 50 Metern verursachen", sagte der Innenminister dazu. Den offiziellen Ermittlungserkenntnissen zufolge sollte eine der beiden Drohnen direkt über Maduro, die andere direkt vor ihm explodieren. Das Militär habe es jedoch geschafft, eine von ihnen elektronisch vom Kurs abzubringen, die andere sei in ein Wohngebäude gekracht.

Leibwächter schützten Maduro mit Schildern

Das Staatsfernsehen hatte den Moment des angeblichen Anschlags übertragen. Die Bilder zeigten, wie der linksnationalistische Staatschef eine live übertragene Ansprache bei der Militärzeremonie in der Hauptstadt plötzlich abbrach und Richtung Himmel schaute, während Soldaten davonliefen. Leibwächter positionierten sich mit Schutzschildern vor dem Präsidenten. Die Übertragung im Fernsehen sowie im Radio brach daraufhin ab. Fotografien zeigten einen Soldaten, der am Kopf blutete.

Sieben Mitglieder der Nationalgarde wurden den Informationen zufolge verletzt. Der Staatschef blieb demnach unversehrt. Kurze Zeit später gab es eine Stellungnahme einer Gruppe, die sich als "Nationale Bewegung der T-Shirt-Soldaten" bezeichnete und sich zu der Tat bekannte. Sie kündigte weitere Angriffe auf die Staatsführung an. Beobachter zweifeln jedoch sowohl an der Echtheit des Bekenntnisses als auch an der offiziellen Attentatsversion der Regierung.

Maduro macht Kolumbien und die USA verantwortlich

Maduro beschuldigte den scheidenden kolumbianischen Präsidenten, Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos, der Tat. "Ich hege keine Zweifel, dass dahinter ultrarechte Kreise in Venezuela gemeinsam mit ultrarechten Kräften Kolumbiens und Juan Manuel Santos stecken", sagte der autoritär regierende Sozialist und vermutete weitere Hintermänner in den USA, denen er regelmäßig vorwirft, einen Staatsstreich gegen ihn zu planen. Die wirtschaftliche Misere seines Landes ist nach seiner Darstellung Folge eines "Wirtschaftskriegs" des Auslands gegen Venezuela.

US-Sicherheitsberater John Bolton dementierte jedoch, dass die Regierung in Washington an dem Vorfall beteiligt war. "Ich kann eindeutig sagen, dass es keine Verwicklung der US-Regierung in all das gibt", sagte er dem Sender Fox News. Auch die kolumbianische Regierung in Bogotá wies die Vorwürfe vehement zurück.

Oppositionsbündnis warnt vor Folgen

Kritiker befürchten, dass der Vorfall dazu genutzt wird, um die Repression im Land weiter zu verschärfen. "Wir warnen davor, dass dieses konfuse Ereignis als Ausrede genutzt werden kann, um das verfassungsmäßige Recht des Volkes auf Protest abzuschaffen", schrieb das Oppositionsbündnis Frente Amplio. Mit ihrer Reaktion wolle die Regierung zudem von der akuten Krise im Land ablenken.

Venezuela leidet seit Langem unter einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise; internationale Organisationen warnen vor einer humanitären Notlage. Das Land mit den größten Ölreserven der Welt kämpft mit einer Hyperinflation: Die Preise steigen explosionsartig, das Geld verliert rasant an Wert. Weil Devisen fehlen, kann Venezuela kaum noch Lebensmittel und Medikamente importieren. Hunderttausende Venezolaner sind vor Elend und Unterdrückung in die Nachbarstaaten geflohen.

Zuletzt prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) für das laufende Jahr eine Inflationsrate von einer Million Prozent. Die Wirtschaftsleistung könnte zudem um 18 Prozent einbrechen.

Kritiker werfen Maduro vor, er wolle eine Diktatur errichten. Im vergangenen Jahr schaltete der Sozialist das von der Opposition kontrollierte Parlament aus, im Mai ließ er sich für eine weitere fünfjährige Amtszeit bei einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigen.