UN-Generalsekretär António Guterres hat eindringlich vor einer Großoffensive auf die syrische Provinz Idlib gewarnt. Es sei "absolut notwendig", dort einen militärischen Großeinsatz zu vermeiden, sagte er in New York. "Idlib ist die letzte sogenannte Deeskalationszone in Syrien. Sie darf nicht in ein Blutbad verwandelt werden." Ein groß angelegter Angriff auf die Rebellenhochbug würde einen "humanitären Albtraum" zur Folge haben. An die Adresse Syriens sowie dessen Verbündete Russland und den Iran sagte er: "Der Kampf gegen Terrorismus entbindet die Kriegsparteien nicht von ihren grundlegenden Verpflichtungen nach internationalem Recht." 

Die Provinz Idlib ist die letzte, die seit 2015 von Aufständischen – einer Mischung aus islamistischen Rebellen und Dschihadisten – kontrolliert wird. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad zeigt sich entschlossen, mit Unterstützung seiner russischen und iranischen Verbündeten die ländlich geprägte Provinz an der Grenze zur Türkei zurückzuerobern. Die Türkei will eine Offensive verhindern, da sonst eine Fluchtwelle droht, ruft jedoch bisher vergeblich nach einer Waffenruhe.

Russland spricht von "Anti-Terror-Einsatz"

Zuletzt beklagte der türkische UN-Botschafter Feridun Sinirlioğlu, Assad wolle eine Militäroffensive mit dem Kampf gegen Terrorismus legitimieren. Nur eine Feuerpause schaffe jedoch ein Umfeld, in dem Terroristen wirksam bekämpft werden könnten. Sinirlioğlu forderte deshalb Sicherheitsgarantien für Zivilisten und moderate Oppositionsgruppen, sobald diese sich von den Extremisten losgesagt hätten. Großbritannien und Frankreich schlossen sich dieser Forderung an.

Während sich auch die US-Botschafterin bei der UNO, Nikki Haley, den Befürchtungen der internationalen Gemeinschaft anschloss – sie warnte die syrischen Truppen vor einer "blutigen militärischen Eroberung" –, rechtfertigte Russlands UN-Botschafter, Wassili Nebensia, die Angriffe auf Idlib am vergangenen Wochenende als "Anti-Terror-Einsatz".

"Vor der schlimmsten Katastrophe unseres Krieges"

Der Leiter der örtlichen Gesundheitsdienste in Idlib berichtete der Nachrichtenagentur AFP derweil von einer "riesigen Angst" der Bevölkerung vor der erwarteten Eskalation. "Ich fürchte, wir stehen davor, die schlimmste Katastrophe unseres Krieges zu erleben", sagte Munser al-Chalil, der auf Einladung der Vereinten Nationen in Genf über seine Erfahrungen berichtete. Er befürchtet, dass wie bereits bei früheren Angriffen auch diesmal "zuerst die Krankenhäuser" angegriffen würden. Schon jetzt seien die Klinken wegen des Mangels an qualifizierten Ärzten, Geräten und Medikamenten kaum in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen.

Al-Chalil warnte auch davor, dass im Fall der Großoffensive viele Flüchtlinge an der geschlossenen Grenze zur Türkei festsitzen werden. "Ich habe Angst, dass die Leute beim Versuch sterben, die Grenze zu überqueren", sagte er. Die UN erwarten, dass eine Offensive rund 800.000 Menschen in die Flucht treiben wird. Die Türkei hat begonnen, Flüchtlingslager auf der syrischen Seite der Grenze auszubauen, ist aber entschlossen, ihre Grenze dicht zu halten.