Peter Stäuber zog 2010 von der Schweiz nach London und schreibt seither über britische Politik, Wirtschaft und Kultur – unter anderem für ZEIT ONLINE. Er studierte Anglistik und Geschichte in Zürich, Wien und Aberdeen. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem aktuellen Buch "Sackgasse Brexit – Reportagen aus einem gespaltenen Land" (Rotpunktverlag, Zürich).

Das Städtchen an der englischen Ostküste ist weiter weg, als es auf der Karte scheint. Vier Stunden dauert die Zugfahrt insgesamt, dreimal muss man umsteigen, einmal auf einen Bus, weil ein Teil der Strecke renoviert wird. Zeit, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Der Daily Telegraph wird jedem aufgenötigt, der am Bahnhof eine Flasche Wasser kauft – die Zeitung ist billiger, und wer sie ersteht, bekommt das Wasser gratis dazu. Anscheinend kluges Marketing, denn so ist es seit Jahren. An diesem Tag informiert ein Meinungsartikel die Leser, worum es beim Brexit geht – es ist genau jene marktgläubige Ideologie, in der die elitären Brexit-Anhänger zu Hause sind: "Bis in die Mitte der Achtzigerjahre war euroscepticism von der Linken dominiert worden, aber dann merkte sie, dass Europa ein Weg war, den Sozialismus in Großbritannien durch die Hintertür einzuführen", schreiben die Autoren. Margaret Thatcher sei diese Entwicklung nicht entgangen, und sie habe zwei Prinzipien ausgemacht, die im Zug der europäischen Einigung auf keinen Fall über Bord geworfen werden dürfen: nationale Souveränität und der freie Markt. Damit habe sie den Traum künftiger Generationen von Brexiteers umrissen, und entsprechend lasse sich der Erfolg des EU-Austritts an folgenden Kriterien ablesen: "Gibt er uns mehr Freiheit, zu deregulieren, Steuern und Staatsausgaben zu senken, wenn wir das wollen?"

Wollen das die Brexit-Wähler? Erwuchs ihre Kritik an der EU demselben Impuls, also aus dem Bedürfnis, Großbritannien von Regulierung und einem aufgeblähten öffentlichen Sektor zu befreien? Das gilt es in Great Yarmouth herauszufinden, wo annähernd 72 Prozent der Einwohner für den Brexit gestimmt haben. Norwich ist die letzte Umsteigestation, von hier geht es mit einem kleinen Zug, der nur aus zwei Waggons und einer mit Diesel betriebenen Lokomotive besteht, nach Osten. Die Ankunft in Great Yarmouth ist nicht vielversprechend: Der Bahnhof ist selbst für englische Verhältnisse ausgesprochen heruntergekommen, gleichmäßig verteilt sich der Vogeldreck auf dem Boden. Die Endstation liegt auf einer Verkehrsinsel, umgeben von der Hauptstraße und einem Industriepark. "Welcome to Great Yarmouth, a number one resort", begrüßt ein Schild die Reisenden, die diese Beschreibung skeptisch zur Kenntnis nehmen. Mit einem Mietfahrrad fahre ich durch den Ort in Richtung Meer. Erst als ich der langen Küstenpromenade entlangradle, rechts der Sandstrand und die Piers, links die Spielhallen und Hotels mit den großen Namen, bekomme ich eine Ahnung davon, wie Great Yarmouth einst gewesen sein muss: lebhaft, beschwingt, eine Partystadt.

Anfang des 20. Jahrhunderts verwandelte sich Great Yarmouth jeden Sommer in ein rauschendes Fest. Zehntausende Besucher kamen mit dem Dampfschiff und dem Zug aus dem ganzen Land angereist, um sich hier zu vergnügen: vier Kilometer Sandstrand, dazu Music Halls, Pubs, Jahrmärkte, ein Aquarium und ein Zoo – die Stadt war eines der beliebtesten Ausflugsziele in ganz Großbritannien. Die Besucher kommen noch immer, aber aus der Flut ist ein Rinnsal geworden. Auf der Marine Parade spazieren vereinzelte Touristen in der Abendsonne. Eine Familie ist übers Wochenende aus London angereist, ein Paar mittleren Alters aus Glasgow. Oft sieht man Männer mit ähnlichem Look: graue Haare, Shorts, Turnschuhe und Polo-Shirt. Die Spielhalle auf dem Wellington Pier ist fast leer, zwei Teenager stehen am einarmigen Banditen, ein alter Mann saugt den Teppich. Sicher, es ist Oktober und die Saison vorbei, aber jeder Einwohner über einem gewissen Alter erzählt von Jahrzehnten, in denen es hier ganz anders zu- und herging. Tony Barber zum Beispiel, der gerade aus einem Fitnessstudio tritt. Der elegante Mann mit Hut und Mantel ist Alleinunterhalter und spielt Rockklassiker für alte Leute: "Beatles, Rolling Stones, solche Dinge." Er stammt aus London und wohnt seit einigen Jahren in Great Yarmouth, tritt aber schon seit fast dreißig Jahren regelmäßig hier auf – lange genug, um die letzte Boomzeit noch miterlebt zu haben. "Damals war diese Straße im Sommer rappelvoll – man kam nicht durch!", sagt Barber. "Und wer ist heute hier? Rentner." Dagegen habe er gar nichts, versichert er sogleich, wohl auch aus beruflichem Interesse, aber die Atmosphäre sei eine ganz andere.

"Ja, ohne Zweifel war es die Einwanderung"

Das Zweite, was einem auf einem Rundgang durch die Stadt auffällt, sind die Saisonniers. Überall in der Stadt trifft man Gruppen meist junger Menschen mit mediterranem Aussehen. Sie sitzen vor ihren Hotels und genießen den Sonntagabend, bevor am nächsten Morgen die Maloche wieder anfängt. Viele lehnen ein Gespräch ab, weil ihr Englisch nicht gut genug sei. Joel hingegen, ein etwa dreißigjähriger Portugiese, der mit drei Kollegen auf der Terrasse sitzt, spricht fließend und gern. Er selbst ist zum ersten Mal hier, während seine Freunde schon seit mehreren Jahren jeden Sommer kommen. Sie leben hier von Juli bis Dezember, stehen an fünf bis sechs Tagen die Woche um fünf Uhr auf und fahren mit dem Bus eine Stunde lang in die Fleischverarbeitungsfabrik, wo sie Hühnchen schlachten, rupfen und zerkleinern. Hart sei es, acht bis zehn Stunden Arbeit am Tag, aber er verdiene rund 200 Pfund pro Woche – viel mehr, als er in Portugal bekommen würde. "Die Briten sind nett, wir haben mittlerweile viele Bekanntschaften gemacht", sagt Joel. "Nur das Essen könnte besser sein." Joel sagt denselben Satz auf Portugiesisch, und seine Freunde nicken heftig. "Sie frittieren hier alles, es ist zu fettig." Auf den Brexit angesprochen, zuckt er mit den Schultern. Viel hatten sie davon nicht mitbekommen. Als ich vom hohen Leave-Anteil in Yarmouth erzähle, überlegt er kurz und sagt dann: "Vielleicht wegen uns?"

Peter Fitzgerald, der sein dunkles, teilweise ergrautes Haar sauber gescheitelt trägt, muss nicht lange überlegen. "Ja, ohne Zweifel war es die Einwanderung." Er zählt zu denen, die aus diesem Grund für den Austritt stimmten – und er half bei der Kampagne gegen die EU tatkräftig mit. Der 55-jährige Landlord und Ladenbesitzer macht sich schon seit 20 Jahren Sorgen um die hohe Zahl der Migranten. Bis in die späten Neunzigerjahre lag die jährliche Nettoeinwanderung nach Großbritannien deutlich unter 100.000; zuletzt nahm sie sogar ab. Dann führten Kriege und Krisen in mehreren Weltregionen zu einem plötzlichen Anstieg. Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak und dem Balkan suchten Zuflucht in Großbritannien, und 1998 kamen dreimal so viele Einwanderer wie im Vorjahr: 140.000. "Das war das erste Mal, dass wir in diesem Land Masseneinwanderung erlebten", sagt Fitzgerald.

Er war damals Mitglied einer Anwohnervereinigung und sah, wie Londoner Gemeinden die Asylbewerber nach Great Yarmouth schickten und sie in Mietwohnungen unterbrachten – Unterkünfte an der Ostküste waren billiger als in der Hauptstadt. "Mir wurde klar, dass wir das Problem nicht über neue Gesetze lösen können, sondern nur durch eine Beschränkung der Einwanderung", sagt er. Und er sah eine Partei, die genau diese Lösung vorschlug. So trat Fitzgerald 2003 der United Kingdom Independence Party (Ukip) bei – "es war in Bezug auf die Immigration die erste der vernünftigen Parteien". Ein Jahr später erfolgte die EU-Osterweiterung, in deren Zug Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei und die Staaten des Baltikums beitraten. Im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen Staaten verzichtete die britische Regierung auf eine Einreisebeschränkung für Arbeiter aus diesen Ländern – und war überrumpelt von den unerwartet vielen, die kamen. Ein Jahr zuvor hatte das Innenministerium prognostiziert, dass aus den neuen Staaten maximal 13.000 Einwanderer pro Jahr einreisen würden. Ein mächtiger Irrtum: Laut Schätzungen der Statistikbehörde ließen sich in den ersten acht Jahren 423.000 Osteuropäer in Großbritannien nieder.

Ukip erblickte eine Gelegenheit, die es nicht zu verpassen galt. Die Partei war Anfang der Neunzigerjahre aus einer kleinen Lobbygruppe namens Anti-Federalist League hervorgegangen, deren Ziel die Verhinderung des Vertrags von Maastricht und die fortschreitende Einigung Europas war. Die ersten Jahre waren schwierig, interne Kämpfe lähmten die Partei, und bei den Wählern stieß ihre Anti-EU-Kampagne auf Desinteresse. Auch machte ihnen das britische Mehrheitswahlrecht zu schaffen, das kleinen Parteien kaum Raum gibt. Ein erster Erfolg kam 2004, in den Wahlen für das Europaparlament, die nach dem Proporzsystem abgehalten werden: Dank einer straff geführten Medienkampagne schaffte es Ukip, 2,6 Millionen Briten für sich zu gewinnen, 16 Prozent der Wähler. Dennoch war klar, dass das Thema Europa zu wenig Resonanz fand – in einer Umfrage von 2005 hielten nur 10 Prozent der Befragten die britische EU-Mitgliedschaft für die wichtigste Angelegenheit.