Geschlossenes Geschäft in Great Yarmouth © Jack Taylor/Getty Images

Als der ehemalige Banker Nigel Farage 2005 den Vorsitz übernahm, steuerte er die Partei in eine neue Richtung. Er versuchte, aus der wachsenden Zahl der Einwanderer Kapital zu schlagen: In der Kampagne für die Europawahl von 2009 verband er die Ablehnung der EU mit Warnungen vor übermäßiger Immigration. Zudem verschob er den Fokus: Wollte Ukip bis dahin vor allem EU-skeptische Tories im Süden Englands für sich gewinnen, hatte sie jetzt auch Wähler in Labour-Hochburgen im Visier, die vom Niedergang der Industrie sowie von der Rezession nach 2008 und der darauf folgenden Sparpolitik stark getroffen wurden: Briten, die mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpften und unsichere, schlecht bezahlte Jobs sowie lange Arbeitszeiten hatten – oder gar keine Stelle: die oft erwähnte Gruppe der left behind.

In Great Yarmouth begegnet man ihnen überall. Der Marktplatz ist zur Mittagszeit recht belebt, es gibt Gemüsehändler, Fischverkäufer und Pommesbuden, und alle haben Kundschaft. Aber wenn man sich in ein Café setzt und dem Treiben eine Weile lang zuschaut, stellt man fest: Diesem Ort geht es nicht gut. An den Kleidern der jungen Paare, die mit ihren kleinen Kindern über den Platz gehen, lässt sich ablesen, dass kein Geld für unnötigen Luxus da ist. Ein Vater mit Kinderwagen sitzt in Trainerhosen auf einer Bank und schiebt sich langsam Pommes in den Mund, tief in Gedanken versunken. Überhaupt tragen viele Leute Sporthosen und Kapuzenpulli, was darauf schließen lässt, dass sie nach der Mittagspause nicht in ein Büro zurückkehren. Auffallend viele Leute in Rollstühlen sind zu sehen. Die Geschäfte zeugen von Geldmangel: der Billigladen Poundland, zwei Second-Hand-Shops, geführt von Wohlfahrtsorganisationen, und zwei verbarrikadierte Läden, die zur Vermietung stehen.

Ein Geschäftsinhaber, der Kunsthandwerk verkauft und ein Café betreibt, sagt: "Ich habe schon in verschiedenen Orten in Norfolk Geschäfte gemacht, aber nirgendwo war die Armut so frappant wie hier." Er holt einen dicken Ordner aus der Schublade und schmeißt ihn auf den Tresen. "Auf dieser Liste haben sich Leute eingetragen, die ein bestimmtes Objekt in meinem Laden reserviert haben und es in Raten abzahlen. Sie wollen beispielsweise ein Weihnachtsgeschenk kaufen, haben aber das nötige Geld nicht beisammen. Also beginnen sie schon Monate zuvor mit der schrittweisen Abzahlung in kleinen Summen." Manchmal sei es nur ein Pfund. "So etwas habe ich noch nie gesehen."

Neue Jobs wurden kaum geschaffen

Der Weg vom Ferienparadies zur abgewirtschafteten Provinzstadt erfolgte in mehreren Schüben. Ein Zusammenspiel lokaler, nationaler und internationaler Entwicklungen raubte Great Yarmouth innerhalb von zwei bis drei Generationen alle wichtigen Wirtschaftszweige, sodass am Ende fast nichts übrig blieb. Die Probleme begannen in den Sechzigerjahren, sagt John Cannell, der den Abstieg seiner Heimatstadt Stufe für Stufe mitverfolgte. Er ist ein breiter Mann mit zerzaustem Aussehen, seit mehreren Jahrzehnten repräsentiert er die Labour-Partei in der Lokalpolitik, heute amtet er als Vorsitzender des Trades Council, des Gewerkschaftsverbands. Energisch rührt er den Zucker in seinen Kaffee, bevor er zu erzählen beginnt. Bis in die Sechzigerjahre war Great Yarmouth nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, sondern auch der wichtigste Hafen für die Heringfischerei im Land. "Der gesamte Spickel zwischen dem Meer und dem Fluss Yare bestand aus nichts als Räuchereien und Fabriken, die Fässer und Körbe herstellten. Tausend Heringboote hatten wir, jedes davon mit einer Besatzung von acht bis zehn Mann", sagt Cannell. Dazu kamen Indutrien, die die Heringe und andere Fische verarbeiteten: Konservenfabriken verpackten sie für den Export nach Russland und Italien, und die Firma Birds Eye entwickelte 1955 das erste Fischstäbchen der Welt. Zu dem Zeitpunkt war aber bereits offensichtlich, dass die Nordsee arg strapaziert wurde: Die Küste vor Great Yarmouth war überfischt. Ende der Sechzigerjahre war es mit der Heringfischerei praktisch vorbei.

In der Innenstadt von Great Yarmouth © Jack Taylor/Getty Images

Die Tourismusbranche machte noch bis in die späten Achtzigerjahre gute Geschäfte, aber die wirtschaftspolitischen Umwälzungen, die mit Margaret Thatcher begannen, hatten auch hier Auswirkungen. "Jede der großen Industrien im Land – Textil in Leicester, Stahl in Sheffield oder Schiffsbauer in Schottland – hatte ihre zweiwöchigen Sommerferien, meist zu unterschiedlichen Zeiten", sagt Cannell. "Viele dieser Arbeiter machten in Yarmouth Ferien. Die sogenannten tea stores, die nichts außer Tee, Schinken- und Käserollen verkaufen, waren von halb sechs Uhr morgens bis elf Uhr nachts offen, das Geschäft brummte." Im Sommer hätten die Einheimischen den Ort eher gemieden, so voll war es. Fünf Kilometer hätten sich die Autos auf der Zufahrtstraße nach Great Yarmouth gestaut. Doch dann, als der lange Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie einsetzte, blieben auch die Touristen aus. Und wer dennoch in die Ferien ging, stieg nicht mehr in den Zug, sondern nahm einen Billigflieger auf eine Mittelmeerinsel oder nach Marbella.

Zudem wurden die Feriencamps rund um Yarmouth nach und nach von großen Konzernen aufgekauft. Vauxhall Holiday Park beispielsweise gehört dem Betreiber Parkdean Holiday Resorts, der seinerseits von einer kanadischen Private-Equity-Firma gekauft wurde. "Diese Konzerne versuchten, die Leute rund um die Uhr in den Ferienlagern zu behalten, damit sie dort ihr Geld ausgeben", sagt Cannell. "Das bedeutete, dass immer weniger Leute in die Theater der Stadt gingen, und eins nach dem anderen machte zu." Nach und nach hätten sich auch die Löhne in der Tourismusbranche verschlechtert: Zwar habe die Lokalbehörde viel Geld in die Sanierung der Vergnügungsmeile gesteckt, aber die Arbeitsbedingungen seien mies – und diese Veränderung begann nach der EU-Osterweiterung, sagt Cannell: "Früher arbeiteten fast ausschließlich Briten in den Feriencamps und im Gastgewerbe. Aber seit rund zehn Jahren beschäftigen die Arbeitgeber viel mehr Migranten aus der EU, und zwar, weil sie sie leichter ausbeuten können." Der Mindestlohn von 7,50 Pfund für Angestellte ab 25 Jahren ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, aber bei den Arbeitszeiten haben die Unternehmen viel Flexibilität. "Oft legen die Bosse den Arbeitern einen Vertrag hin, in dem die Arbeitszeitbeschränkung aufgehoben wird, und sagen: 'Unterschreib das.' Und die Migranten tun es, weil sie nicht verstehen, um was es geht. Viele schuften nicht selten 60 bis 70 Stunden die Woche." Immer weniger Einheimische arbeiteten auf den Feldern und in der Nahrungsmittelverarbeitung, und neue Jobs wurden kaum geschaffen.